Die deutschen Dachdecker starten den Jakobsweg im Hafen von Ferrol (Quelle: Gerbens)
Start des „Camino Ingles“ im Hafen von Ferrol (Quelle: Gerbens)

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02. November 2021 | Teilen auf:

Endlich wieder „Buen Camino“

Seit dem Jahr 2019 musste der Dachdecker-Jakobsweg durch die Reisebeschränkungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie ausfallen oder verschoben werden. Um dennoch eine kleine, persönliche Auszeit zu genießen, fanden zwischenzeitlich zwei lange Pilgerwochenenden in Schleswig-Holstein auf der Route der „VIA Jutlandica“ statt. Obwohl die holsteinische Schweiz mit vielen landschaftlichen Schönheiten und romatischen Wegen aufwarten kann, unterscheiden sich die Pilgerwege, wenn sie vor der Kathedrale in Santiago de Compostela enden, schon durch ihr besonderes Flair.

Am 10. Oktober 2021 startete die 10-köpfige Pilgergruppe rund um das Dachdeckerhandwerk vom Flughafen Frankfurt aus, um die rund 115  Kilometer über den „Camino Inglès“ zu wandern. Der „Englische Weg“, der von der Hafenstadt Ferrol am Atlantik aus nach Santiago de Compostela führt gilt als Geheimtipp unter den Jakobswegen. Der „Camino Inglés“ ist eine der maritimen Jakobsrouten, die im mittelalterlichen Europa benutzt wurden, um zur Kathedrale des heiligen Jakobus nach Santiago de Compostela zu gelangen. Pilger aus Skandinavien, den Niederlanden, dem Norden Frankreichs und hauptsächlich aus England, Irland und Schottland kamen per Schiff in Spanien an und betraten das Land in den galicischen Häfen von Ribadeo, Viveiro, A Coruña und Ferrol. Der „Camino Ingles“ ist mit seiner nur 115 km langen Wegstrecke kurz und knackig. Er ist in den letzten Jahren besonders bei Kurz-Pilgern bekannt geworden. Wer nicht mehrere Wochen Urlaub hat oder sich nicht eine lange Auszeit gönnen kann und trotzdem den unvergleichbaren Spirit eines Jakobsweges in Spanien erleben möchte, der ist hier auf dem „Englischen Weg“ genau richtig.

Die Pilgertage begannen morgens um 8:00 Uhr mit einem starken „Café“ oder einem „Té“, dem Frühstück und dem Packen des kleines Tagesrucksackes. Nach den Erklärungen des Reiseleiters Manuel Mallo zur Tagesetappe folgte an allen Tagen ein besinnlicher Tageseinstieg. Dazu tragen einzelne Teilnehmer Gedichte, Pilgerweisheiten und Gleichnisse vor, die den Weg des Tages begleiten sollen. Anschließend ist es eine besondere Geste der Freundschaft und Verbundenheit, wenn man sich gegenseitig einen „Buen Camino“, einen „guten Weg“ wünscht. Der Start des Jakobsweges begann am ersten Wegstein des „Camino Ingles“, am Kai des Hafens von Ferrol, dessen Ursprung sich bis in das 11. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Den gelben Pfeilen und den Jakobsschildern mit der stilisierten, gelben Muschel auf blauem Untergrund folgend, führt der Weg am Rathaus vorbei aus dem Stadtgebiet von Ferrol heraus. Bei bestem Wetter und strahlendem Sonnenschein pilgerten die Dachdecker*innen an den Buchten und Stränden  der „Ria de Ferrol“ vorbei, folgten dann der malerischen Wegführung durch eine halbinselähnliche Landzunge bis zum Ort „Cabanas“ am Mündungsgebiet des Flusses „Eume“. Hier am Strand der „Playa Magdalena“ klang mit traumhaften Ausblicken und bei einem malerischen Sonnenuntergang die gepilgerte, rd. 20 Kilometer lange Etappe aus.

Der nächste Pilgertag führte vom Ort „Pontedeume“ (Brücke des Flusses „Eume“) durch Marsch und Weidelandschaften bis zur Stadt „Betanzos“. Obwohl vom ersten Tag die Beine noch recht müde waren standen wiederum 23 km als Tagesentfernung an. Ausgepowert von wiederholten An- und Abstiegen erreichte die Dachdecker-Pilgergruppe am Spätnachmittag das Etappenziel in Betanzos. Diese kleine Stadt, mit nur 13.500 Einwohnern, wartet mit einem besonderen Flair und einer romantischen Altstadt auf.  Da an diesem Tag ein gesetzlicher Nationalfeiertag in Spanien war, pulsierte das Leben in der Altstadt von Betanzos. Cafe´s und Restaurants waren gut besucht und auf dem zentralen Platz vor der Kirche trafen sich viele Menschen, um den Feiertag gemeinsam zu verbringen. 

Der dritte Wandertag von Betanzos nach Hospital de Bruma hatte es dann sowohl hinsichtlich der Entfernung, als auch mit langen Anstiegen gehörig in sich. Das Wetter und die Landschaft meinten es gut mit den Dachdecker*innen. Sonnenschein und sommerliche 25 Grad ließen gerade Streckenabschnitte zu herrlichen Pilgerwegen werden, aber die anschließenden fast nicht enden wollenden Anstiege waren schon eine deutliche Herausforderung an die Kondition. Gott sei Dank waren auf der Etappe einige kleine Bars offen, so dass sich alle unterwegs stärken konnten. Besonders dankbar waren die Pilger als nach einem sehr langen und steilen Anstieg auf einer Anhöhe „mitten in der Pampa“ drei Einheimische einen Versorgungsstand mit Kühlboxen und allerlei Getränken aufgebaut hatten. So eine nette Geste der Hilfsbereitschaft findet man nur selten, wenn dann aber auf einem Jakobsweg. Frisch gestärkt waren anschließend die restlichen Wanderkilometer bis nach Hospital de Bruma ein „Klacks“.

Recht früh und im morgendlichen Sonnenschein begann der 4. Pilgertag, der die Gruppe bis nach Sigüeiro, ca. 18 km vor Santiago führte. Erhohlsam und leicht führte diese Etappe typisch galizisch –„falsch flach“, d.h. immer leicht abwärts durch reizvolle Landschaften. Da auf der Etappe zur Mittagszeit kein erreichbares Restaurant geöffnet hatte, organiserte der Reiseleiter Manuel Mallo kurzerhand ein Pilger-Picknick mitten im „Grünen“. Dick mit Schinken, Käse und Wurst belegte Brote, Oliven, Gurken und als Nachtisch süßer Kuchen machten die Pilger wieder fit. Anschließend noch ein kaltes Fußbad in einer Wasserstelle am Wegesrand und die „Pilgerschaft“ zeigte sich von ihrer schönsten Seite.

Dann stand der Tag der letzten Etappe an. Nur noch 18 km waren es von Sigüeiro bis nach Santiago.

Pilgerwege in einsamen Landschaften (Quelle: Gerbens)

Dort, am Stadtrand der Hauptstadt von Galizien, wartete bereits wieder unser Reiseleiter, um „seine Dachdecker“ durch die Vorstadt bis zur Kathedrale von Santiago de Compostela zu führen. Es war wieder ein unbeschreibliches Gefühl der Gemeinschaft und ein bewegender Moment, als alle Hand in Hand auf die „Plaza del Obradoiro“, den Hauptplatz vor der Kathedrale gingen. Den Hut auf „Drei“ hoch in die Luft schmeißen und dann „Danke“ bei seinen Pilgerbrüdern und -schwestern für die wertvolle Zeit miteinander sagen. Bewegende Gefühle, Ergriffenheit und von Stolz bis zu Freudentränen war alles dabei. Anschließend stand noch ein Gang zum Grab des heiligen Jakobus durch die heilige Pforte und eine Führung über die Dächer der Kathedrale auf dem Programm. Ein perfekter Tag des Ankommens am Ziel des Jakobsweges endete mit einem gemeinsamen Abendessen in einem urigen Tapasrestaurant. Dort wurden dann alle erlebten Momente, Gedanken, Gefühle aber auch zukünftige Pilgerpläne ausgetauscht.

Blick auf die Plaza del Obradoiro vom Dach der Kathedrale in Santiago de Compostela. (Quelle: Gerbens)

Eines wurde sowohl unterweg als auch in Santiago wieder deutlich, das Tragen der Zunftkleidung auf dem Pilgerweg ist ein einmaliges Erlebnis und das richtige Konzept für einen Dachdecker-Jakobsweg. Ganz gleich wo die „Techadores de Allemaia“ waren, die schöne Zunftkleidung erzeugt bei anderen Pilgern und der Bevölkerung ungeteilte Aufmerksamkeit, führt zu einem positiven Image unseres Handwerks und zu einem ganz besonderen Spirit innerhalb der Gruppe.

Die Reise endete mit einigen schönen Stunden des Aufenthaltes in der romantischen Altstadt Santiagos und alle waren sich einig „Wir kommen auf jeden Fall wieder, Santiago!“.

Stolz über die Pilgerurkunde des „Camino Ingles“, die sogenannte „Compostela“ und mit einem Kopf voller Erlebnisse sind alle Dachdecker-Jakobspilger wieder gut in Deutschland angekommen. Auch 2022 wird es wieder heißen „Buen camino!“. Dieses Mal ist, wieder in Kooperation mit dem Pilgerunternehmen „Pilgino“, eine Variante des portugiesischen Weges geplant. Nähere Informationen dazu werden zeitnah auf der Homepage der GFW-Dach mbH veröffentlicht. Bildberichte unserer Jakobswege findet man auch auf „YOUTUBE“ unter den Suchwörtern „Dachdecker-Jakobsweg“ oder „Ich bin dann mal weg, mein Jakobsweg 2021“.

Jürgen Gerbens

zuletzt editiert am 19.11.2021