Das deutsche Carlisle-Team, von links: Georg Harrasser, Präsident Carlisle CM Europe, Oliver Brandt, Vertriebsleiter Deutschland, Rudolf Bürdek, Leiter Architektenberatung und Thomas Schneider, Leiter Anwendungstechnik. Foto: Carlisle Construction Materials GmbH
Das deutsche Carlisle-Team, von links: Georg Harrasser, Präsident Carlisle CM Europe, Oliver Brandt, Vertriebsleiter Deutschland, Rudolf Bürdek, Leiter Architektenberatung und Thomas Schneider, Leiter Anwendungstechnik. Foto: Carlisle Construction Materials GmbH

Markt

11. March 2021 | Teilen auf:

Nah am Dachdecker

Interview: Seit Herbst 2020 leitet Georg Harrasser als Präsident das Unternehmen Carlisle CM Europe. Im Interview spricht er über seine Ziele und was er vom Dachdecker erwartet.

Herr Harrasser, im Juli 2020 schied Fritz Stockinger bei Carlisle aus, dann im Herbst auch Gregor Ellegast. Seit Oktober 2020 leiten Sie als Präsident die Geschicke von Carlisle in Europa. Wie kam es zu dem Wechsel und wie haben Sie den Einstieg erlebt?

Georg Harrasser: „Bei größeren Unternehmen, die international aufgestellt sind, kommt es immer wieder zu Personalwechseln. In den rund 5 Monaten, die ich jetzt bei Carlisle bin, stelle ich fest, dass wir großes Potenzial haben, sowohl auf der Produktseite als auch auf der kulturellen Ebene. Wir wollen Bestehendes öfter in Frage stellen. Ich habe selten so viele Möglichkeiten gesehen, ein sehr gutes Produkt wie unsere EPDM-Bahnen nach vorne zu bringen.“

Was sind Ihre strategischen und persönlichen Ziele?

Harrasser: „Wir sehen uns als die EPDM-Profis. Diese hochwertigen Kunststoffbahnen werden in Deutschland einfach noch zu wenig verbaut. Wenn Dachdecker erst einmal mit unseren Produkten gearbeitet haben, berichten sie uns, dass sie begeistert von der einfachen und sicheren Verarbeitung sind. Aber der Bekanntheitsgrad ist noch deutlich zu gering. Somit haben wir kein Produkt-, sondern eher ein Kommunikationsproblem. Das möchte ich ändern, den Marktanteil vergrößern. Und das sieht auch die Vision unseres Mutterkonzerns Carlisle Companies Incorporated vor. Bis 2025 soll der Umsatz auf 8 Milliarden Dollar erhöht werden. Es gibt einen Strategieplan, dem wir mit konkreten Maßnahmen folgen. Zum Beispiel werden wir ein einheitliches Warenwirtschaftssystem einführen und die lokale Nähe zum Kunden weiter ausbauen.“

Wie unterstützen Sie die Dachdecker bei ihren Alltagsproblemen?

Harrasser: „Für uns ist die Zusammenarbeit mit dem Dachdecker die wichtigste Aufgabe. Es gibt nirgendwo auf der Welt so eine gute Handwerksqualität wie in Deutschland. Das wollen wir natürlich nutzen. Wir möchten mit unserem kleinen aber starken Team so nahe wie möglich am Kunden sein. Und gemeinsam mit den Dachdeckern Lösungen im Bereich hochwertiger Abdichtungen entwickeln. Konkret heißt das, dass wir vor allem den Bereich Schulungen nach vorne bringen werden. Wir investieren konkret im Bereich Marketing und Vertrieb. Auch auf der Produktseite wird sich mehr tun als bisher. Von Carlisle wird es in naher Zukunft bald mehr Systemteile für das Flachdach geben. Das bietet dem Dachdecker noch mehr Möglichkeiten.“

Die Zukunft wird – auch durch Corona forciert – digitaler werden. Was heißt das für Carlisle, welche Angebote entwickeln Sie?

Harrasser: „Die Pandemie war vor allem ein Beschleuniger der digitalen Prozesse. Viele Branchen wie zum Beispiel der Einzelhandel sind mit denen von vor 20 Jahren nicht mehr zu vergleichen. Disruptive Veränderungen hat es bisher in der Dachbranche nicht gegeben. Allerdings hat die Produktivität am Bau nicht nachgezogen. Insgesamt hat die Bauwirtschaft nicht mit der gesamtwirtschaftlichen Produktivitätsverbesserung mithalten können. Und innerhalb der Bauwirtschaft gab es die kleinste Verbesserung im Bereich Dach. Ich bin überzeugt, dass die Digitalisierung weitergeht und auch dem Dachdecker neue Möglichkeiten bietet. Wir bei Carlisle investieren in unsere digitale Infrastruktur, das ist unsere Grundvoraussetzung, um Lösungen für die Dachdecker bereit zu halten. Wir müssen und werden dabei Lösungen anbieten, mit denen unsere Kunden vertraut sind. Zum Beispiel beim Vermessen von Dächern und bei der Schadensanalyse wird uns die virtuelle Realität helfen. Wir haben einige Lösungen in der Schublade, um das intelligente Flachdach weiterzuentwickeln. Ob Solar oder Gründach oder Wärmedämmung – das Dach wird künftig mehr Funktionen übernehmen.“

Was wünschen Sie sich selber von den Dachdeckern?

Harrasser: „Die Passion für die Qualität ist bei deutschen Dachdeckern schon sehr ausgeprägt. Andererseits hat das Dachdeckerhandwerk immer noch ein Imageproblem bzw. ein Attraktivitäts-Problem. Man könnte das auf jeden Fall besser kommunizieren, dass der Dachdecker-Beruf attraktiv ist. Dazu müssten die Verbände meiner Meinung nach noch aktiver werden. Und auch die zunehmende Atomisierung, also das Schrumpfen der Betriebsgröße, ist ein Nachteil für die Branche. Zudem stelle ich fest, dass es oft keine optimale Arbeitsorganisation in den Betrieben gibt. Es wird noch zu viel improvisiert. Wenn Private-Equity-Investoren Dachdeckerunternehmen kaufen, was man jetzt beobachten kann, ist das schon ein deutliches Zeichen. Der organisatorische Fortschritt wird kommen, damit werden sich die Dachdecker beschäftigen müssen. Deshalb halte ich die Dachdeckerbranche für attraktiv, sie hat viel Potenzial.“

Johannes Messer

zuletzt editiert am 05.02.2021