Dachdecker mit Besen beim Reinigen einer Kunststoffabdichtung
Vor dem Rückbau muss die Bahn gesäubert werden. (Quelle: Sika)

Flachdach

16. August 2022 | Teilen auf:

Kunststoffbahn im Kreislauf

Flachdach: Nach über zwei Jahrzehnten wurde die Kunststoffabdichtungsbahn eines Dachs in Frankfurt am Main abgebaut und bei der Recycling-Aufstockung von zwei Wohnhäusern für die neuen Dächer verwendet. Die Schuchardt GmbH hatte die Bahn vor zwei Jahrzehnten verlegt und konnte sie jetzt wiederverwerten.

Der Bauherr dieses in Deutschland einzigartigen und sehr nachhaltigen Bauvorhabens, die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte | Wohnstadt (NHW), ist eines der größten Wohnungsbauunternehmen Deutschlands.

50 % recycelt

Dirk Schuchardt, Bauingenieur und Juniorchef des gleichnamigen Dachdeckerfachbetriebs, zeigt sich begeistert: „Als junger Bauingenieur habe ich mit Kollegen die Kunststoffabdichtungsbahn auf dem Dach in Frankfurt verlegt. Jetzt, nach 20 Jahren, haben wir sie für die Wiederverwendung abgebaut. Auf dem neuen Dach ließ sich die Dachbahn wie am ersten Tag verarbeiten.“ Robert Lotz, Leiter der Projektabwicklung 1 des Unternehmensbereichs Modernisierung & Großinstandsetzung der Nassauischen Heimstätte, ist sehr zufrieden mit den Ergebnissen: „Wir haben allein bei einem Gebäude durch die Wiederverwendung der alten Dachbahn ersten Berechnungen zufolge 940 kg CO2 eingespart. Hierbei haben wir nur die Kunststoffabdichtungsbahn betrachtet. Für die gesamte Aufstockung alleine eines Gebäudes konnten wir etwa 50 % der benötigten Materialien aus den eigenen Rückbaumaßnahmen generieren und somit insgesamt über elf Tonnen CO2 vermeiden. Gleichzeitig konnten wir so kostbare Ressourcen einsparen, das Entsorgungsvolumen deutlich reduzieren und hierzu in der Branche ein Zeichen in Bezug auf Nachhaltigkeit setzen.“

Die Wiederverwendung der bestehenden Dachbahn ist Teil einer innovativen Strategie der Nassauischen Heimstätte, bei diesem Pilotprojekt einen möglichst hohen Anteil an wiederverwendbaren Materialien in allen Gewerken einzusetzen. Für die beiden Dächer in der Gundwald- und Dreieichstraße in Kelsterbach wurde die Dachbahn eines Hauses in der Fritz-Kissel-Siedlung in Frankfurt am Main zu 100 % wiederverwendet, das heißt, es wurde kein neues Material für die Flächenabdichtung eingesetzt. Es sind nur dort neue Teile hinzugekommen, wie etwa die Einfassungen am Ortgang, am First oder an der Traufe, wo keine bestehenden Teile verwendet werden konnten. Durch die Aufstockung sind in jedem Haus zwei neue Wohnungen entstanden. Am Anfang stand die Begutachtung des bestehenden Dachs, bei dem Reiner Hubner, Gebietsleiter von Sika, auf mehrere Studien und ökologische Gutachten von Fachleuten verweisen konnte. In den Untersuchungen wird den Kunststoffabdichtungsbahnen hohe Qualität, Dauerhaftigkeit und Langlebigkeit von über 55 Jahren bescheinigt. Dass die vorhandene Dachbahn in einem so guten Zustand vorgefunden wurde, überraschte somit nicht wirklich.

Reinigung der Nahtbereiche

Im August 2021 wurde die Kunststoffabdichtungsbahn des Bestandsdachs (rund 500 m2) an einem Tag mit vier Mitarbeitern abgebaut und insgesamt sechs Monate gelagert. Mitte November 2021 erfolgte die Verlegung und Fertigstellung des ersten Dachs in der Gundwaldstraße mit vier Mitarbeitern. In der Dreieichstraße begannen die Arbeiten unter gleichen Rahmenbedingungen im Februar 2022. Die Bauzeit betrug in beiden Fällen zwei Wochen. Bevor die Kunststoffabdichtungsbahn abgebaut wird, sollte man sie von groben Verunreinigungen und Schmutz säubern. Die Nahtbereiche werden mit dem speziellen Reinigungsset „Speed Clean“ von Fetten und Verunreinigungen befreit, damit keine Rückstände mehr vorhanden sind und die Naht sauber verschweißt werden kann, um die thermische, kraftschlüssige und somit dichte Verbindung zu erreichen. „Die Reinigung der alten Dachbahn ist sehr wichtig: Dort, wo sie wieder thermisch verschweißt wird, muss sie absolut sauber sein, denn von der sauberen Naht hängt die Qualität des späteren Dachs ab. Wichtig ist auch die enge Zusammenarbeit mit dem Hersteller der Dachbahn, um die Vorgehensweise bei der Verarbeitung der vorhandenen Kunststoffabdichtungsbahn qualitativ hochwertig ausführen zu können“, erklärt Dirk Schuchardt. Das Lösen der Dachbahnen erfolgte auf dem alten Dach durch Aufschneiden der Bahnen neben der alten Schweißnaht und mitten in der Bahn, also nicht in den Stößen. „Auf alle Fälle sollte man versuchen, eine laufende Bahn ohne Durchdringungen abzuschneiden. In unserem Projekt hatten wir zahlreiche Sekuranten, Kamine und Durchdringungen, deren Öffnungen beim späteren Einbau mit altem Material geschlossen werden mussten. Sind wenige bis keine Öffnungen vorhanden, macht das die Wiederverwendung auf dem neuen Dach deutlich einfacher und effektiver“, erläutert Dirk Schuchardt.

Drei Dachdecker beim Aufrollen einer Kunststoffbahn
Was hier aussieht wie abrollen ist genau das Gegenteil: Die Bahn wird zur Wiederverwendung aufgerollt. (Quelle: Sika)
Kunststoffdachbahnrollen am Kranseil noch auf der Dachfläche liegend
Per Kran werden die schweren Rollen vom Dach gezogen. (Quelle: Sika)
Dachdecker beim Verschweißen eines Flickens aufs einer Kunststoffdachbahn mit Fön
Die alte Kunststoffbahn lasse sich nach der Reinigung nahezu verarbeiten wie eine neue, so die Dachdecker. (Quelle: Sika)
Dachdecker bei der mechanischen Befestigung einer Kunststoffdachbahn und anschließender Abdichtung mit Zuschnitt
Die Bahn wird streifenweise befestigt und mit einem neuen Zuschnittstreifen wieder abgedichtet. (Quelle: Sika)
Alte Dachbahn zu Abdichtung einer neuen Fläche auf dem Dach ausgelegt, neue Öffnung für Durchdringung eingeschnitten
Auch für die Anschlüsse neuer Durchdringungen wird neues Material verwendet. (Quelle: Sika)

Anteil der Wiederverwendung erhöhen

Die Vorgabe von NHW-Projektleiter Robert Lotz war, möglichst viel vorhandene Dachbahn zu verwenden und neues Material nur dort einzubauen, wo es technisch notwendig war. „Es ist uns wichtig, den Anteil von wiederverwendbaren Baumaterialien bei der Aufstockung der Wohnhäuser so hoch wie möglich zu halten.“ Vorhandene Fehlstellen wurden mit Altmaterial geschlossen und nur neue Teile eingebaut, wo Anschlüsse oder Durchdringungen dies nicht zuließen. „In vielen Fällen trauen wir den Materialien, die wir verwenden, nichts mehr zu. Unser Pilotprojekt mit einem hohen Anteil an wiederverwendeten Materialien wird Schule machen und zu einem Umdenken führen. In den letzten 40 bis 50 Jahren wurden die Anforderungen an Baustoffe und -materialien so hochgeschraubt, dass sogar Materialien, die lange noch nicht das Ende ihrer Lebensdauer erreicht haben, nicht mehr verwendet werden. Sind diese Materialien nicht mehr sicher, müssen sie entsorgt werden. Aber wo es um Komfort oder andere Kriterien – und nicht um Sicherheit und Gesundheit – geht, müssen wir lernen, umzudenken. Entscheidend für uns war das Kriterium der Nachhaltigkeit. Als Bauherr bekommen wir von diesem Hersteller eine Materialgarantie von zehn Jahren auf die Dachbahn plus weitere zehn Jahre, wenn er unter anderem vor Ablauf der ersten zehn Jahre das Dach begehen kann. Wenn die Kunststoffabdichtungsbahn 20 Jahre hält, dann kann sie auch einen noch längeren Zeitraum überstehen.“

Thomas Kison

Den kompletten Beitrag lesen Sie in DDH 10.2022.

zuletzt editiert am 27.09.2022