Professor Leon Windscheid erklärt, warum wir uns immer mit anderen Menschen vergleichen wollen. (Quelle: DDH)
Professor Leon Windscheid unterhielt die Gäste prächtig, brachte sie aber auch zum Nachdenken. (Quelle: DDH)

Markt

17. September 2021 | Teilen auf:

Langeweile will nur unser Bestes

Berlin: Rund 150 Dachdecker*innen aus Berlin kamen Mitte September zum Verbandstag, wo das Würth-Haus auf der Insel Schwanenwerder eine prächtige Kulisse bot. Ein anregender „Rückblick“ in die Zukunft der Arbeit begeisterte die Gäste. Johannes Messer

Zum Veranstaltungsort, dem Würth-Haus, wurden die Gäste geschickt geführt. Shuttel-Busse transportierten die Dachdecker*innnen auf die Insel Schwanenwerder. Diese mussten sich vorab einer Kontrolle unterziehen, dass sie den Nachweis der sogenannten 3G-Regel (geimpft, getestet oder genesen) dokumentieren konnten. Auf dem Gelände musste eine medizinische Maske getragen werden, die nur auf den Sitzplätzen während der Veranstaltung abgelegt werden durfte.

Landesinnungsmeister Jörg-Dieter Mann begrüßte rund 150 Gäste. Ein Dank ging an das Unternehmen Würth, insbesondere Professor Würth, der seine Räume für die Veranstaltung zur Verfügung gestellt hatte. Er begrüßte ebenfalls fünf neue Dachdecker-Unternehmen in der Innung und drei Gastmitglieder aus der Industrie. „Trotz Corona hatten wir als Dachdecker kaum Einschränkungen, von der Materialknappheit mal abgesehen. Die Holzknappheit geht wieder zurück, der Handel hat sehr flexibel reagiert. Somit ist die wirtschaftliche Lage für uns weiterhin sehr gut“, sagte Mann. In Richtung der neuen Bundesregierung richtete er einen deutlichen Appell: „Wir hoffen, dass Berlin zwar klimaneutraler wird, die Umsetzung aber an die Bedürfnisse der Wirtschaft angepasst wird“, so Mann. Neu ist auf jeden Fall: Alle wasserabweisenden Flächen müssen in Berlin mit Solar bedacht werden. Das sieht das Berliner Solargesetz vor, das ab 2023 eine PV-Installation als Pflicht vorschreibt. 

Josefine Süßer wurde von den Mitgliedern einstimmig zur neuen Lehrlingswartin gewählt. (Quelle: DDH)

Neuer Rekord bei den Lehrlingszahlen

Über 300 Anmeldungen für die Weiterbildungskurse verzeichnete das Berliner Bildungszentrum im Jahr 2020 – ein Rekord. Das zeigt, dass die Berliner Dachdecker vieles richtig machen. Abschließend bedankte sich Mann bei allen Mitgliedern für ihr Engagement. 

Tom Ziermeier, Vertriebsleiter Würth, gab einen Überblick über die Historie des Würth-Hauses in Berlin. Die Teilnehmer gedachten des gestorbenen Mitglieds Klaus Zipperling. Anschließend präsentierte Schatzmeister Matthias Dölle die Haushaltspläne für das Jahr 2022, die von den Mitgliedern verabschiedet wurden. 

Süßer für Friedel

Zur Neuwahl der Lehrlingswartin hatte sich diesmal eine Frau in Position gebracht. Josefine Süßer arbeitet seit Jahren schon in der Innung mit. Sie stellte sich den Mitgliedern vor und wurde einstimmig gewählt. Süßer löst Andreas Friedel ab, der die Aufgabe seit 2003 mit Leib und Seele ausgefüllt hatte. 

Warum die Zukunft der Arbeit in der Vergangenheit liegt, erfuhren die Gäste im kurzweiligen Vortrag von Leon Windscheid. Nach einigen Selbsttests staunten die Dachdecker, warum wir alle in immer gleichen Kategorien denken - uns darüber aber keine Gedanken machen müssen.

ZVDH-Referent Technik/Kommunikation Philipp Witte referierte über PAK und Asbest in Bitumen. (Quelle: DDH)

Puzzeln statt Prime

„Warum schauen wir uns Trash-Sendungen im TV an? Wir sehen, es gibt noch Dümmere, und sind doch vor allem selbstverliebt. Smarthome, sprechende Kühlschränke – diese Dinge machen keinen Fehler und werden massiv belohnt. Wir Menschen wollen mit künstlicher Intelligenz mithalten, haben aber verlernt, uns zu langweilen. Langeweile sorgt für Kreativität - sie will unser Bestes. Entdeckt das Puzzeln, die Geduld, statt Amazon Prime. Es gibt alte Tugenden, wie Respekt, Toleranz und Teilen, die wir wieder vorleben müssen. Bänder werden durch Maschinen ersetzt, aber Handwerker bleiben“, betonte der Psychologe unter großem Beifall. Werte wie Teilen und Achtsamkeit gehen verloren.

Viele Service-Angebote für die Mitglieder

Geschäftsführer Ruediger Thaler stellte die Aktivitäten der Innung vor.

·       21 Teilnehmer begrüßte die Dachdecker Innung zum aktuellen Meisterkurs.

·        Der Mindestlohn wird ab Januar 2022 angehoben.

·         Ab Oktober 2021 gibt es ein Plus von 2,1 % bei Löhnen und Gehältern.

Thaler wies außerdem auf Service-Elemente wie den Forderungseinzug und die Schlichtungsstelle hin. Die Mitgliederzahlen lagen bei stabilen 194 Mitgliedern und bei den Gastmitgliedern bei 94 zahlenden Mitgliedern. Werbung macht die Innung mittlerweile bei der Technischen Hochschule. „Hier sind die Studienabbrecher interessant für das Dachdeckerhandwerk“, berichtete Thaler.

Endlich Zeit für Gespräche: Teilnehmer des Landesverbandstag Berlin im Würth Haus am Wannsee. (Quelle: DDH)

Auch Instagram funktioniert als Nachwuchsmedium bei den Berliner Dachdeckern gut. Nur die Abbruchquote bei den Azubis ist bei rund 50 % immer noch zu hoch. „Das geht anderen Gewerken in Berlin allerdings genauso“, sagte Thaler. In Sachen Digitalisierung wird die Innung in Drohnen und Outdoor Laptops sowie Smartboards investieren. Um die Dachdecker in Sachen PV fit zu machen, bietet die Innung gemeinsam mit der Industrie künftig viele Schulungen an, unterstützt von der Deutschen Gesellschaft für Solarenergie. 

Einen Überblick über die aktuellen Anforderungen bei Wärme-, Feuchte- und Holzschutz gab ZVDH-Bereichsleiter Technik Christian Anders. Rechnerische Nachweise sind zum Beispiel bei Konstruktionen mit Faserdämmstoffen im Bestand aktuell noch nötig. Diese sind noch nicht im Regelwerk DIN 4108, Teil 3, aufgenommen worden. „Bei der Hartschäumen ist die Konstruktion etwas einfacher zu planen“, so Anders. „Nehmen Sie im Zweifel den Planer mit ins Boot oder lassen sich die Planung zumindest vergüten“, empfahl Anders. Bei Zellulose ist immer ein Nachweis erforderlich. 

Asbest genauer unter der Lupe

Das Thema „PAK und Asbest in Bitumen“ erläuterte ZVDH-Referent Technik/Kommunikation Philipp Witte. PAK-Verbindungen (Polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe) sind krebserzeugend und entstehen beim Erhitzen oder Verbrennen von organischem Material unter Sauerstoffmangel. Weitere Infos: https://www.schadstoff-kompass.de/bauteile-schadstoffe/daecher/

Die Dachdecker*innen belasten die Untersuchungen schon länger. „Falls Sie sich nicht sicher sind, welche alten Bitumenbahnen verbaut worden sind: Melden Sie bei solchen Sanierungen immer Bedenken an“, betonte Witte. Asbest gibt es leider auch in alten Bitumenbahnen. Optisch gibt es keine Unterscheidung zu asbestfreien Bahnen. Die Beprobung wird heute meist durch die Entsorger gefordert. In 25-39 % aller bedropten Bitumenbahnen wurde Asbest im Zeitraum von 2019 bis 2021 gefunden. Vor allem die Bayerischen Dachdecker*innen müssen sich aktuell mit dem Problem herumschlagen, bei Sanierungen einen Entsorgungsschein nachweisen zu müssen.     

Fünf neue Dachdeckermeister freuten sich über ihre Urkunden, von links: Maximilian König, Andre` Krause, Sebastian Böse, Philipp Tigges und Felix Jakob. (Quelle: DDH)

Für seine Verdienste zeichnete Jörg-Dieter Mann Geschäftsführer Bernd Prüfer von der Firma VIA Dachteile KG mit der Ehrennadel der Landesinnung des Dachdeckerhandwerks Berlin aus.

Abschließend erhielten die jungen Meister ihre Meisterbriefe. Mit einem geselligen Beisammensein auf dem Balkon mit Sonnenblick auf den Wannsee ging der Landesverbandstag zu Ende.