Flachdach

13. April 2012 | Teilen auf:

Old Shatterhand aus der Kälte

Nach dem heftigen Frost Anfang Februar zeigten sich auf Kunststoffbahnen Risse, die Dachdecker und sogar Sachverständige noch nicht gesehen hatten. Wir analysieren das Problem "Shattering" und informieren, wie die Hersteller damit umgehen.

Die Anrufe und E-Mails kamen von Bauherren und Dachdeckern - und die meisten waren besorgt: Die Risse, die sich auf Deutschlands Kunststoff-Dachbahnen nach dem kurzen, aber heftigen Frost im Februar 2012 zeigten, waren alles andere als gewöhnlich. Man hatte zunächst den Eindruck, Old Shatterhand hätte auf der Abdichtung gewütet, so zerschmettert waren ganze Dachbahnen. Dabei ist das Phänomen vor allem in den USA bekannt, wenn auch noch nicht aufgeklärt. Aus dem Englischen kommt der Begriff "to shatter": zerspringen, zersplittern, zerschmettern. Das zeigt sich dadurch, dass ganze Dachflächen vollständig zerstört werden. Unter Shattering wird das glasartige Zerspringen von Kunststoff-Dachbahnen verstanden. Meist tritt dies nach extremen Kälteperioden auf. Aus früheren Jahren ist bekannt, dass manche Kunststoffbahnen beim Betreten der Dachfläche, wenn entsprechende Minusgrade herrschten, durch die mechanische Einwirkung des Betretens oder Begehens ebenfalls solche Risse erhielten. Nun sind aber aktuell häufig Fälle aufgetreten, bei denen ohne mechanische Fremdeinwirkung nach dem Frost die Kunststoff-Dachbahnen zersplittern. Dieses Zersplittern geht so weit, dass meterlange Risse über die gesamte Dachfläche bestehen. Diese Risse verzweigen sich noch in astähnlichen Formen. Die Kräfte, die sich hier entladen, sind so stark, dass sogar Lichtkuppelaufsatzkränze mit zerrissen wurden.

In der Vergangenheit war es so, dass diese Risse meist an der nächsten Quernaht aufgehört haben. Aktuell sind aber häufig Fälle aufgetreten, an denen die Anschlussbahnen, welche an Attiken hochgeführt werden, ebenfalls kontinuierlich mit durchgerissen sind. "Die Risse gehen in der Regel von lokalen Spannungskonzentrationen aus, zum Beispiel von vorhandenen Ankerbungen in der Dachabdichtung, Fixierungen, Lichtkuppelecken, Dämmstoff- und Bewegungsfugen oder Querschnittsänderungen am Übergang zu einer verschweißten Naht. Von diesen Spannungszentren aus laufen die Risse astförmig über die Dachfläche. Diese Rissbildung ist irreparabel und erfordert in der Regel eine komplette Erneuerung der Abdichtung", so Gerd Hecker, Leitung Technische Beratung Wolfin Bautechnik. Bisherige Analysen ergaben folgende Zusammenhänge:

-Shattering ist bisher nur auf Dächern ohne Auflast festgestellt worden.

-Betroffen sind nach bisherigen Erkenntnissen die Kunststofftypen: PVC, Monumer oder Polymer (weichgemacht).

-Weiterhin sind VAE-, insbesondere EVA-Bahnen betroffen.

-Vereinzelt zeigen Schadensfälle das Ablösen der Vlieskaschierung von der Bahn.

-Meist sind mechanisch fixierte Dachaufbauten betroffen, obwohl es auch Berichte über Kaltselbstklebe-Dachaufbauten gibt, die ebenfalls Schäden aufweisen.

Dämmstoffe nicht verantwortlich

Vermutungen, dass ausgasendes Styrol bei PS-Dämmung ursächlich ist, lassen sich nicht bestätigen. Der Einsatz von Dämmmaterialien ist nicht entscheidend, die Schäden treten bei Polystyroldämmplatten auf, aber auch bei Mineralfaserdämmplatten. Auffällig ist, dass es gewisse Gebietsschwerpunkte gibt. Dies ist aber bisher nur eine vorläufige Einschätzung, da hierzu empirisch betrachtet nicht ausreichend dokumentierte Fälle vorliegen. Ebenfalls ist die Farbe der Dachbahn offensichtlich unerheblich, da helle Bahnen genau so wie schwarze Bahnen betroffen sind. Bezüglich der Dicke liegen bisher dazu keine eindeutigen Erkenntnisse vor. Ein Hersteller meint jedoch nach bisherigen Erkenntnissen aus eigenen Untersuchungen, dass die Dicke beim Shattering keine Rolle spielt. Die Hersteller von Kunststoff-Dachbahnen sind ebenfalls alarmiert. Dennoch haben alle Unternehmen des DUD (Industrieverband Kunststoff-Dach- und Dichtungsbahnen) sowie weitere Unternehmen auf unsere Anfrage reagiert und ihre Hilfe bei eventuellen Shattering-Schäden angeboten.

Temperatursturz verantwortlich

Interessant ist, dass die Kunststoffbahnen nach dem Shattering noch einen funktionsfähigen Eindruck machen, sich also weich anfühlen. Es müssen aber weitere Laboruntersuchungen über mehrere Jahre hinweg durchgeführt werden, um hier nähere Erkenntnisse zu erlangen. Fest steht jedoch: Bei der Nutzung der Dächer ist auffällig, dass sehr häufig nicht beheizte Lagerhallen mit einer Tragschale aus Trapezblechen betroffen sind, die meist auch keine Dampfsperre respektive luftdichte Schicht besitzen. Da aber auch beheizte Konstruktionen mit Nutzung als Bürogebäude, mit Dampfsperre und luftdichter Schicht und auch mit Betondecken betroffen sind, ist dies sicherlich auch nicht allein entscheidend.

Herbert Gärtner und Johannes Messer

Den vollständigen Beitrag mit den ausführlichen Statements der Hersteller zu den aktuellen Schadensfällen lesen Sie in Ausgabe DDH 08 2012.

zuletzt editiert am 11.12.2020