Wegbereiter und Gestalter: Artur Wierschem hat den Bildungsbereich im Dachdeckerhandwerk seit den 1970er Jahren aktiv begleitet. Foto: DDH

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17. December 2020 | Teilen auf:

"Unsere Ware ist Wissen"

Wie nur wenige hat Artur Wierschem die Entwicklung und Professionalisierung des Dachdeckerhandwerks geprägt, vor allem im Bildungsbereich. Im ausführlichen Gespräch blickt Wierschem zurück auf fünf Jahrzehnte zwischen BBZ und ZVDH und analysiert, wohin sich die berufliche Bildung entwickeln wird.

Herr Wierschem, war für Sie immer klar, dass Sie Dachdecker werden wollen, oder gab es andere Berufswünsche?

Artur Wierschem: Die gab es durchaus. Eigentlich wollte ich Steinmetz werden, und zwar im Kloster Maria Laach, wo es bis heute eine sehr gute Steinmetzwerkstatt gibt. Damals war dort aber kein Ausbildungsplatz zu bekommen. Erst dann reifte der Entschluss, Dachdecker zu werden. Auch wenn mein Vater gelernter Dachdecker war und für die Firma Rathscheck arbeitete, war die Entscheidung also nicht zwangsläufig.

Bereits mit 21 Jahren wurden Sie Fachlehrer im Bundesbildungszentrum Mayen. Waren Sie ein beruflicher Senkrechtstarter?
Wierschem: Das mag man heute so sehen, habe ich damals aber nicht so wahrgenommen. Nach meiner Lehre riet mir mein Vater zu einer weiteren Ausbildung, daraufhin lernte ich bei der heutigen DEG Alles für das Dach in Koblenz Groß- und Außenhandelskaufmann – als deren erster kaufmännischer Auszubildender. Den Meister zu machen, lag für mich im Anschluss auf der Hand. In Mayen gab es damals wenig Lehrpersonal und die späteren Kollegen haben es damals schon verstanden, mich im Meisterkurs vertretungsweise als Unterrichtenden einzusetzen. Als ein Fachlehrer dann in Rente ging, wurde ich auf die Stelle angesprochen. Ich hatte zwei Möglichkeiten: Ausbilder am BBZ zu werden oder die neu gegründete Zweigstelle der DEG in Köln zu leiten. Die Ausbilderstelle habe ich mir damals mehr zugetraut und damit war der Einstieg geschafft. Allerdings war ich zum Teil jünger als meine Meisterschüler, da habe ich mir einen Bart wachsen lassen, um älter auszusehen. Bis zum Renteneintritt beim BBZ zu bleiben, hätte ich mir damals aber nicht ausmalen können.

Wie muss man sich das BBZ in dieser Zeit vorstellen?
Wierschem: Zunächst einmal gab es nur Meisterschüler am BBZ, Lehrlinge kamen erst Ende der Siebzigerjahre dazu. An der Kelberger Straße gab es eine große Werkhalle, eine umfunktionierte, relativ große Messehalle von etwa 60 × 40 m mit 15 m lichter Höhe noch aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Um diese Halle herum hatte man Klassenräume gruppiert. Diese Halle ist 1979 abgebrannt. Und wo heute die Aula steht, war ein großer Garten, in dem Modelle mit verschiedenen Werkstoffen eingedeckt waren, also eine Art Ausstellung. Ganz neu entstand 1974/75 das heutige Schul- und Verwaltungsgebäude. Insgesamt war ein Teil der Gebäude durchaus vergleichbar mit den heutigen Gebäuden, sie waren kleiner und mehr auf dem Grundstück verteilt.

Wie ging es für Sie im BBZ weiter?
Wierschem: In den Achtziger- und Neunzigerjahren wurde der Meisterbrief immer populärer und die Schülerzahlen stiegen im BBZ stark an. Gleichzeitig gab es vor Ort noch keine eigentliche Verwaltung, sodass mehr Aufgaben in diesem Bereich entstanden. Und dabei ist mir meine kaufmännische Ausbildung zugutegekommen. So habe ich ­einige Jahre parallel unterrichtet und Verwaltungsaufgaben übernommen. 1981 wurde die Position eines Verwaltungsleiters ausgeschrieben und daraus ergab sich wiederum die Schulleiterfunktion.

Mit gerade 28 Jahren. Wie kam es dazu?
Wierschem: Das BBZ ist eine staatliche anerkannte Ergänzungsschule, die parallel zur Meisterprüfung auch auf die staatliche Fachleiterprüfung vorbereitet. Dazu bedarf es eines pädagogischen Leiters, das war damals der Schulleiter der Berufsbildenden Schulen in Mayen, Ernst Müller. Als er plötzlich verstarb, wurde Johannes Karduck zum Schulleiter ernannt unter der Bedingung, dass er einen ständigen, hauptamtlichen Vertreter an die Seite gestellt bekommt. Und das war der Anlass, zu dem man gesagt hat: „Machen wir den Wierschem zum stellvertretenden Schulleiter.“

Hatten Sie einen Mentor?
Wierschem: Im engeren Sinne nicht. Wenn ich den Begriff aber etwas weiter fasse als diejenige Person, die mir Vertrauen geschenkt hat, war das Hans-Joachim Müssig, der damalige Hauptgeschäftsführer des ZVDH. Er hat mich eingestellt und gefördert, indem er mir die jeweils neuen Aufgaben zugetraut hat.

Mayen bietet heute besondere Abschlüsse für Dachdecker, zum Beispiel den Manager im Dachdeckerhandwerk, dazu ein umfangreiches Weiterbildungsprogramm. Wie hat sich das Angebot entwickelt?
Wierschem: Bis Ende der Neunzigerjahre war die Nachfrage nach Plätzen enorm. Wir waren also sehr damit befasst, überhaupt das Alltagsgeschäft zu bewältigen. Es gab in dieser Zeit permanent fünf Meisterklassen, im Vergleich zu heute die doppelte Schülerzahl, rund 160 Personen. Um einen Platz in einer der fünf Meisterklassen zu bekommen, musste man fünf Jahre warten! Dadurch wurden die gesamten Strukturen, der Lehrkörper, aber auch die Verwaltung stark erweitert. Parallel dazu haben wir das Fort- und Weiterbildungsprogramm des Berufsbildungswerks aufgebaut, also die Angebote außerhalb der ÜLU (Überbetrieblichen Lehrlingsunterweisung) und der Meisterausbildung. Zum Beispiel den Manager im Dachdeckerhandwerk – das war seinerzeit unsere Antwort auf den Betriebswirt im Handwerk, den die Handwerkskammern ins Leben gerufen hatten. Oder auch den zusätzlichen Klempnermeister in Mayen, das war auch ein Verdienst von Ehrenpräsident Manfred Schröder, der an der Entwicklung dieser Formate einen großen Anteil hatte. Die Jahre sehr großer Nachfrage haben uns glücklicherweise nicht dazu verleitet, die Hände in den Schoß zu legen. Das war auch sinnvoll, weil solche Konzepte viel Vorlaufzeit benötigen, bis sie sich etablieren. Ein Beispiel dafür sind die Inhouse-Seminare, die das Berufsbildungswerk anbietet. Es waren zwei bis drei Jahre Aufbau- und Überzeugungsarbeit nötig, bis die Idee gefruchtet hat – heute machen diese Seminare mehr als die Hälfte aller Bildungsmaßnahmen aus.

Malte von Lüttichau

Den kompletten Beitrag lesen Sie in DDH 24.2020.