DDM Martin Weihsweiler in seinem Büro. (Quelle: Degen)
Engagiert sich vor Ort und möchte den Klimaschutz für Dachdecker sensibilisieren: Martin Weihsweiler aus Weilerswist. Fotos: Weihsweiler (Quelle: Degen)

Arbeitssicherheit

17. May 2021 | Teilen auf:

Dachdecker sind Klimaschützer

Ein neu gegründeter Ausschuss beschäftigt sich mit dem Umweltschutz und der Nachhaltigkeit. Wir wollten von Martin Weihsweiler wissen, wie Dachdecker bei diesen Themen punkten können und warum wir einfach mal bewusster beim Einkauf und der Verwendung von Produkte hinsehen sollten.
Johannes Messer

Herr Weihsweiler, neu ist ein Fachausschuss, der sich vorwiegend um Umweltschutz und Nachhaltigkeit kümmert. Was sind die Ziele dieser neuen Initiative? 

Der Ausschuss besteht seit Anfang des Jahres 2021. Ursprünglich gab es den Ausschuss Arbeits-, Unfall- und Umweltschutz. Dieser ist nun in die Ausschüsse: 1. Arbeits- und Unfallschutz, 2. Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Energieeinsparung, 3. Recycling- und Entsorgung aufgeteilt worden. Im Grunde haben wir uns im alten Ausschuss die letzten Jahrzehnte nur um den Arbeitsschutz gekümmert. Hier ist ja eine Flut an Verordnungen, zum Beispiel in Sachen Gefährdungsanalysen, über uns hereingebrochen, dass das Thema Umweltschutz einfach viel zu kurz gekommen ist. Unserer Ziele sind:  
1. Dachdecker als Klima-Handwerker. Wir sind schon immer aktive Klimaschützer gewesen, ohne uns Dachdecker ist das Erreichen der Klimaschutzziele nicht möglich. Doch unser Engagement wird noch zu wenig kommuniziert.
2. Die soziale Komponente. Nachhaltigkeit betrifft auch die soziale Komponente. In unseren Familienbetrieben wird nicht das Handwerk, sondern auch der Mensch ausgebildet. Ohne das Handwerk wäre die Ausbildungssituation in Deutschland eine echte Katastrophe.
3. Erhalt der Ressourcen trotz Nutzung. Beim Bauen werden immer Ressourcen genutzt. Dabei sollten wir überlegen, mehr Recycling-Produkte zu verwenden, als solche, die später als Sondermüll entsorgt werden müssen. So etwas können wir Dachdecker schon bei der Planung berücksichtigen.
4. Schutz und Unterstützung der Mitlebewesen. Wir können den Bauherrn vermitteln, dass wir Tier schützen, dass wir Nisthilfen schaffen oder zum Beispiel stillgelegte Kamine nutzen. Das heißt, Lebensräume erkennen und auf diese hinweisen. Unser Ausschussmitglied Jörg Ewald ist seit langem Mitglied im BUGG (Bundesverband GebäudeGrün e.V.) und es ist absolut faszinierend zu erkennen, was wir als Dachdecker zur Gestaltung neuer Lebensräume an Dach und Fassade beitragen können.
5. Bewusstsein schaffen, nur so viel zu nutzen, wie nachwachsen kann. Das ist im Grund die Ur-Definition von Nachhaltigkeit.
6. Zuhören. Ein wichtiger Aspekt für uns: Was bewegt die Kollegen, welche Fragen gibt es im Bereich Nachhaltigkeit für uns Dachdecker? Diese Fragen möchten wir aufnehmen. Wir wollen dafür sorgen, dass der Dachdecker als Klimahandwerker stärker wahrgenommen wird.
7. Werbung und Kommunikation. Wir wollen – zum Beispiel in der Nachwuchskampagne des ZVDH – den ökologischen Aspekt des Dachdeckers stärker herausstellen, dass wir zum Beispiel mit nachwachsenden Rohstoffen Arbeiten und Energieanlagen auf Dächern errichten. Das kann viel zur Außenwahrnehmung unseres Handwerks beitragen.
8. Handlungsempfehlungen für Produkte und Anwendungen. Das heißt für uns Dachdecker perspektivisch, dass wir für unsere Arbeit Nachhaltigkeitskonzepte entwickeln und berücksichtigen, wie zum Beispiel nachwachsende Rohstoffe und energiearme Herstellung. In bestimmten Regionen, wie zum Beispiel bei uns in Meckenheim, wird das aktuell schon in Zusammenarbeit mit der Wissenschaft entwickelt. Wir informieren – unterfüttert durch wissenschaftliche Daten – über Produkte, die sinnvoll und nachhaltig sind.

Das klingt nach einem langfristigen Projekt? 

Auf jeden Fall. Wir werden keine schnellen Ergebnisse liefern können. Nachhaltigkeit hat nichts mit Schnelllebigkeit gemein und benötigt übrigens auch handwerkliche Qualität Wie aber soll die entstehen, wenn die/der Auszubildende direkt nach der Gesellenprüfung zur Meisterschule und dann in den freien Markt einsteigen. Wenn er nie ein Team geleitet hat, geschweige denn ein Unternehmen geführt oder mal alle Funktionsschichten eines Daches hergestellt hat. Und zwar so, dass es dauerhaft haltbar genutzt werden kann. Jede berufliche Karriere muss sich entwickeln, die entsteht nicht von heute auf morgen. Handwerklicher Verarbeitungsfehler reduzieren extrem die Haltbarkeit. Auch das vernichtet Ressourcen und trägt nicht zur Gesundung des Klimas bei.

Das Label Nachhaltigkeit schreiben sich aktuell viele Unternehmen auf die Fahne. Manche können es kaum noch hören. Wie kann man dennoch gerade bei kleinen Unternehmen für Aufmerksamkeit  sorgen? 

Das Thema Greenwashing gibt es ja schon länger. Gerade große Konzerne setzen auf diesen Trend. Nachhaltigkeit ist fast schon gesellschaftlicher Mainstream und steht damit eigentlich doch allen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Denkweisen und Gewohnheiten entgegen. Wir leben:
1. wirtschaftliches Wachstum durch Konsum
2. ständiges Wachstum als Allheilmittel wirtschaftlichen Erfolgs
3. wegwerfen statt erhalten
4. viel zu billige Transportmöglichkeiten, staatlich subventionierte Flug- und Schiffstransporte im Welthandel
5. überbordende Digitalisierung
6. Schnelllebigkeit
Unser Ansatz ist, im Betrieb Dinge konkret zu verändern, somit auch mal lieb gewonnene Abläufe in Frage zu stellen. Und eben nicht nach dem immer gleichen Schema Dächer zu verkaufen. Im 4-Mann Betrieb ist es natürlich schwierig, immer individuell ein Dach anzubieten, dass auch in Sachen Nachhaltigkeit punktet. Holzwolle kann man nicht mit PUR vergleichen. Produkte haben unterschiedliche Eigenschaften und Einsatzzwecke, man muss dem Bauherrn die Zusammenhänge erklären. Solarthermie ist zum Beispiel wieder im Kommen, alternative Heizsystem ein Trend. Zum Glück haben wir im Dachdeckerhandwerk eine große Produktvielfalt. Das ist schon mal ein großer Vorteil. Aber man sollte auch mal den unbequemen Weg gehen und sich über neue, alternative Produkte informieren und Leistungsverzeichnisse anpassen.  Wir wollen die Kollegenbetriebe aber auch dazu animieren einen Selbstcheck durchzuführen, damit jeder selber prüfen kann inwieweit Klimaschutz, Ressourcenschutz, Regionalität, soziales Zusammenleben, Aus- und Weiterbildung, ökonomische Stabilität und nicht zuletzt Innovationsfähigkeit gegeben ist.

Viele Produkte sind ja schon bei der Planung als Wegwerf-Produkte angelegt. Ihr Lebenszyklus darf ja gar nicht lang halten, weil der Markt immer etwas Neues verlangt. Das ist auch bei Dachprodukten so? 

Das ist zum Teil auch so. Vor einiger Zeit hatte ich bei einem bekannten Anbieter Akkubohrer geleast, eine ganze Flotte. Der erste Gedanken war naheliegend und hatte wirtschaftliche Vorteile: Du brauchst dich um das Ganze nicht zu kümmern, bekommst Akkus und ständig neue Geräte. Dann habe ich mal im Kleingedruckten recherchiert und gesehen, dass die Maschinen nach 4 Jahren vernichtet, wenn auch zum größten Teil recycelt werden. Das ist doch das Gegenteil von Nachhaltigkeit. Den Vertrag habe ich sofort gekündigt. Kaufe die Maschinen und nutze diese solange es geht – das sollte unser Motto sein. Wir als Dachdecker wollen künftig mehr zeigen, dass sich Wachstum und Nachhaltigkeit nicht ausschließen.

Das Ausschussmitglied DDM Jörg Ewald war ja schon früh ein Klimapionier und Umweltaktivist. (siehe auch DDH 09.2018) Er lebt das seit Jahren und fährt in Hannover mit dem Lastenfahrrad zum Kunden. Ist das – in Ballungsräumen – ein Trend für Dachdecker? 

Auch das kann eine gute Möglichkeit sein, Energie zu sparen. Der Dachdecker kommt mit den Lastenrad zum Bauherrn, das macht sogar Eindruck. Das ist bei uns in der hügeligen Voreifel allerdings etwas schwierig. Aktuell stellen wir aber gerade unseren Mitarbeitern Fahrräder, auch E-Bikes zur Verfügung. Jeder der will, kann zumindest mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen. Das kostet die Mitarbeiter nichts und schont die Umwelt.

Der ZDH bietet eine Broschüre für Handwerksbetriebe zum Thema Nachhaltigkeit, Foto: ZDH

Wie kann der Dachdecker mit den Mitgliedern des Ausschusses Kontakt aufnehmen?

Der schnellste Weg ist eine Nachricht an, p.witte@dachdecker.de oder ein Anruf beim ZVDH. Philipp Witte koordiniert dort die Anfragen. Auch die Landesverbände nehmen die Fragen gerne auf. Unsere nächste Sitzung ist im Juni. Wir freuen uns auf zahlreiche Anfragen.

Bildet seit Jahren aus und vermittelt Werte: Martin Weihsweiler mit zwei Azubis. (Quelle: Weihsweiler)

Das sind die Mitglieder des neuen Ausschusses: Madeleine Oster-Peterson, Jörg Ewald, Christian Geschke, Joachim Schaumlöffel, Martin Weihsweiler und Phillip Witte betreuen den Ausschuss. Kontaktanfragen gerne an den ZVDH, p.witte@dachdecker.com.