Interview: Dirk Bollwerk ist seit 2017 Präsident des ZVDH. In diesem Jahr stellt er sich erneut zur Wahl. Gewählt wird der Präsident auf der Delegiertenversammlung, die im Rahmen der DACH+HOLZ International in Köln am 26. Februar 2026 stattfindet.
DDH: Herr Bolllwerk, ein Präsidentenamt ist Ihnen ja bereits sicher. Ende Oktober wurden Sie in Bratislava zum Präsidenten der Internationalen Föderation des Dachdeckerhandwerks – kurz IFD – gewählt. Herzlichen Glückwunsch zur Wahl.
Dirk Bollwerk: Vielen Dank. Ich habe mich sehr über die Wahl gefreut, zumal mir der internationale Austausch sehr wichtig ist und ich große Synergieeffekte sehe.
In wenigen Wochen stellen Sie sich erneut zur Wahl als Präsident des ZVDH. Was motiviert Sie, noch einmal anzutreten?
Ich empfinde es als großes Privileg, das Dachdeckerhandwerk vertreten zu dürfen – und ich sehe, dass wir in den letzten Jahren gemeinsam viel erreicht haben. Es gibt aber auch noch einiges zu tun. Wir haben das Handwerk politisch sichtbarer gemacht, die Verbandskommunikation gestärkt und wichtige Zukunftsthemen wie Photovoltaik und Gebäudetechnik strategisch verankert. Ich möchte diese Entwicklung fortsetzen – für die Betriebe, die Beschäftigten und unseren Nachwuchs.
Woran messen Sie die stärkere Wahrnehmung des Dachdeckerhandwerks in Politik und Öffentlichkeit?
Wir haben uns in Berlin einen festen Platz am Tisch erarbeitet – im wahrsten Sinne des Wortes. Durch unsere Teilnahme an runden Tischen im Bundeswirtschaftsministerium konnten wir die Stimme des Dachdeckerhandwerks direkt einbringen. Das gilt für Themen wie Energieeffizienz, Fachkräftesicherung oder Bürokratieabbau. Solche Gespräche sind wichtig, damit wir als Handwerk mitreden, und nicht über uns geredet wird.
Warum ist die Weiterbildung zum ZVDH-zertifizierten PV-Manager für Sie so wichtig?
Weil Photovoltaik mittlerweile fester Bestandteil unseres Berufsbilds ist. Mit dem ZVDH-zertifizierten PV-Manager haben wir schon früh ein praxisnahes Qualifizierungsangebot geschaffen, das Dachdeckerinnen und Dachdeckern die notwendige Kompetenz im Bereich der Gebäudetechnik vermittelt. Das stärkt unsere Betriebe und zeigt, dass wir aktiv die Energiewende mitgestalten. Darauf haben wir uns aber nicht ausgeruht und weitere Fortbildungen angeregt, zum Beispiel zum Gründach-Manager. Und vor Kurzem ist am BBZ Mayen ein Kurs „Solar-Gründächer“ für Ausbilder in den Bildungsstätten und Berufschullehrer gestartet.
Sie betonen immer wieder die gute wirtschaftliche Lage des Dachdeckerhandwerks. Woran machen Sie das fest?
Die Auftragsbücher sind nach wie vor gut gefüllt, die Umsätze in den letzten Jahren gestiegen. Unsere Betriebe sind gefragt – ob bei energetischen Sanierungen, PV-Installationen oder Dachbegrünungen. Das zeigt: Das Dachdeckerhandwerk ist systemrelevant, krisenfest und innovativ. Gleichzeitig dürfen wir uns darauf nicht ausruhen. Digitalisierung, neue Materialien und Fachkräftemangel bleiben Herausforderungen, die wir aktiv angehen müssen.
Die Zahl der Auszubildenden im Dachdeckerhandwerk ist zuletzt gestiegen. Was hat dazu beigetragen?
Das ist wirklich ein Erfolg, auf den wir stolz sein können. Durch unsere intensive Nachwuchsarbeit, moderne Kampagnen und authentische Social-Media-Kommunikation ist es uns gelungen, wieder mehr junge Menschen für unseren Beruf zu begeistern. Dachdecker ist ein Beruf mit Zukunft – und das spüren Jugendliche, wenn sie sehen, wie vielseitig und technisch anspruchsvoll unsere Arbeit heute ist. Ich bin übrigens auch sehr angetan vom Girls` day und freue mich zu sehen, dass hier von Jahr zu Jahr mehr Dachdeckerbetriebe mitmachen. Und die Teilnahme des ZVDH an der Aktion „Handwerk macht Schule“ ist ein wichtiger Baustein: Dachdeckernahe Inhalte, wie die Berechnung von Flächen anhand von Dächern, machen trockene Inhalte praxisnah. Das freut Schüler und Schülerinnen und erleichtert Lehrern die Vorbereitung.
Wie bewerten Sie das Ergebnis der Tarifverhandlungen mit der IG BAU?
Wir haben einen neuen allgemeinverbindlichen Mindestlohn abgeschlossen, der für mehr Planungssicherheit und faire Bedingungen sorgt. Die Verhandlungen waren wie immer anspruchsvoll, aber am Ende haben beide Seiten ein gutes Ergebnis erzielt. Es zeigt, dass Tarifpartnerschaft im Dachdeckerhandwerk funktioniert.
Eine weitere Initiative ist die Gründung der Task Force Gebäudetechnik. Was ist das Ziel dieser Gruppe?
Mit der Task Force arbeiten die gebäudetechnischen Klimahandwerke noch enger zusammen, um mit einer gemeinsamen Stimme in der politischen Diskussion mehr Gewicht zu erlangen. Mit fünf weiteren Zentralverbänden werden wir zu den aktuellen Themen rund um die Energiewende Stellung beziehen, Positionspapiere veröffentlichen und in den direkten Dialog mit der Politik gehen. Ein erstes Treffen von Vertretern dieser neuen Gruppe hat bereits stattgefunden: Mit Stephanie von Ahlefeldt, die im Wirtschaftsministerium für die Reform des GEG zuständig ist, haben wir ein sehr gutes und offenes Gespräch führen können.
Ein weiteres Projekt war der Relaunch des ZVDH-Intranets. Warum war Ihnen das wichtig?
Das Intranet ist unsere zentrale Informationsplattform für alle Mitgliedsbetriebe. Mit dem Relaunch haben wir es moderner, benutzerfreundlicher und übersichtlicher gestaltet. Gerade in Zeiten, in denen sich Gesetze, Verordnungen und Förderbedingungen ständig ändern, ist ein schneller Informationsfluss entscheidend. Jeder Betrieb soll unkompliziert an die wichtigsten Unterlagen und Updates kommen. Und es wird bereits sehr gut angenommen, wie die aktuellen Nutzerzahlen zeigen.
Sie sind Dachdeckermeister mit eigenem Betrieb. Wie prägt das Ihre Arbeit als Präsident im Verband?
Das ist mir sehr wichtig. Ich weiß aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, einen Betrieb zu führen – mit allem, was dazugehört: Bürokratie, steigende Anforderungen, Nachwuchsgewinnung. Diese Perspektive nehme ich mit in meine Arbeit als Präsident. Ich möchte, dass der Verband immer praxisnah bleibt und sich an den Bedürfnissen der Betriebe orientiert. Und dafür werde ich mich weiterhin mit ganzer Kraft einsetzen!
Stich- und Reizwort Bürokratie: Viele Unternehmerinnen und Unternehmer klagen darüber. Wie begegnen Sie dieser Entwicklung?
Das ist ein Dauerbrenner. Wir setzen uns auf politischer Ebene dafür ein, dass Bürokratie abgebaut und Prozesse vereinfacht werden. Aber wir müssen auch im eigenen Bereich dafür sorgen, dass Informationen verständlicher werden und Formulare leichter zugänglich sind – zum Beispiel über das neue Intranet. Trotzdem bleiben noch viele Berichts- und Dokumentationspflichten, die kleine Handwerksbetriebe überfordern und daher auf den Prüfstand gehören. Und wir können auf die Politik einwirken und dafür sorgen, dass wirklich unsinnige Entscheidungen auch mal wieder rückgängig gemacht werden. Gelingt nicht immer, aber manchmal schon.

Künstliche Intelligenz ist in aller Munde. Sehen Sie darin eine Bedrohung oder eine Chance für das Dachdeckerhandwerk?
Ganz klar: eine Chance. Denn KI wird unser Handwerk nicht ersetzen, aber sie kann uns helfen, Prozesse zu vereinfachen – etwa bei der Angebotserstellung, Dokumentation oder Baustellenplanung. Sie ist eine Ergänzung, kein Ersatz. Entscheidend ist, dass wir als Handwerk diese Technologien verstehen und sinnvoll einsetzen. Daher arbeiten wir beispielsweise eng mit der Rudolf Müller Mediengruppe zusammen, um unser Fachregelwerk und KI zusammenzubringen. Übrigens gar nicht so leicht.
Abschließend der Blick zurück und nach vorn: Worauf sind Sie persönlich besonders stolz, und was wünschen Sie sich für eine weitere Amtsperiode?
Wir haben das Dachdeckerhandwerk als modernen, innovativen und zukunftsorientierten Berufsstand positioniert und sind auch als Gemeinschaft gewachsen. In der Politik werden wir als kompetente Gesprächspartner wahrgenommen, und wie der vergangene Dach-Konvent gezeigt hat, sind wir auch in der Dachbaubranche tief verwurzelt. Wir blicken auf positive Umsatzzahlen und steigende Azubizahlen. Darauf können wir alle stolz sein. Diesen Weg wollen wir konsequent weitergehen – mit Mut, Zusammenhalt und Freude an unserem Handwerk. Wir haben alle Chancen, die Zukunft aktiv mitzugestalten. Und das will ich gemeinsam mit unseren Landesverbänden, Innungen und Betrieben tun. Wir haben ein starkes, erfolgreiches Handwerk mit großartigen Menschen. Wenn wir zusammenhalten und offen für Neues bleiben, können wir alles erreichen, denn wir machen Deutschland wetterfest.