Ein digitales Beratungstool für Handwerker mit 3D-Visualisierung eines Hauses auf einem Tablet.
Ein digitales Beratungstool für Handwerker mit 3D-Visualisierung eines Hauses auf einem Tablet (Quelle: Handwerksnavigator)

Digitalisierung 2026-05-26T10:07:00Z Entscheiden statt abnicken

Digitalisierung: Was als Frustmoment begann, wurde zur praxisnahen digitalen Lösung – von Dachdeckern für Dachdecker. Der Handwerksnavigator will den Beratungsprozess so effizient und transparent zu machen, dass Dachdecker Zeit sparen und der Kunde bei der Planung mitentscheiden kann.

Carsten Strobel und Tim Eissing leben das Handwerk, statt nur darüber zu reden: Carsten Strobel ist Dachdeckermeister, war einige Jahre als Ausbilder in Lübeck, dann Klempnermeister und schließlich zurück ins aktive Dachdeckerleben im Familienbetrieb Eissing bei Reinfeld. Tim Eissing Dachdeckermeister, digitalaffin und immer auf der Suche nach neuen Prozessen, ist nicht nur der Sparringspartner, sondern auch der Initiator in der Weiterentwicklung. Im Alltag störte beide zunehmend, dass die Beratung immer wieder auf dem gleichen Stand blieb, analoge Notizbücher voller Aufzeichnungen, aber wenig Transparenz oder Effizienz für den Kunden und den Betrieb. „Bei jedem Kundengespräch mussten wir immer wieder von vorne anfangen, Zeichnungen über Dämmungen und Dachaufbauten bis hin zu der der schriftlichen Aufnahme von wichtigen Details und das nervte nicht nur, es wirkte unstrukturiert und unprofessionell “, so Strobel.

Gerade der Vergleich mit digitalen Standards anderer Branchen ließ ihn nicht mehr los: Während beim Autokauf heute jeder per Online-Konfigurator sein Traumfahrzeug zusammenstellt oder man möchte sich einen Ikea-Schrank zusammenstellen, dieser im Vergleich einen Kleinbetrag von 300 Euro kostet. Dafür setze ich mich 10 Minuten hin und weiß nachher, wie diese Dinge aussehen. Bei uns Dachdeckern ist es leider oft immer noch so, dass der Bauherr die Katze im Sack kauft. Das kann doch nicht der Anspruch in unserer Branche sein und somit muss der Bauherr dem Dachdecker oft blind vertrauen. „Wir beraten den Kunden immer noch mit Referenzordnern und Musterziegeln und verlangen hinterher Summen im hohen fünf- oder sechsstelligen Bereich. Im Grunde, dasselbe Verfahren wie vor 20 Jahren. Aber der Kunde weiß nicht, was er bis zur Fertigstellung letztlich bekommt“, so Strobel.

Ein Mann hält einen Vortrag bei den Westfälischen Dachtagen.
Carsten Strobel referierte auf den Westfälischen Dachtagen in Eslohe. (Quelle: DDH)

Der Handwerksnavigator: Beratung neu gedacht – technisch, visuell und effizient

Die Grundidee: Warum nicht die immer gleichen Beratungsfragen digitalisieren, Prozesse standardisieren und dabei den Kunden stärker einbinden? Der erste Schritt war ein digitales Formular-Tool (webbasiert), mit dem der Dachdecker beim Vor-Ort-Termin am Tablet alle projektbezogenen Daten systematisch erfassen kann, statt Kladde und Excel-Chaos. Dabei entsteht eine strukturierte PDF, die sowohl für die weitere Kalkulation wie für den Kunden nachvollziehbar und transparent ist. Hierfür gibt es den Handwerksnavigator.

Carsten Strobel (links) und Tim Eissing bieten den Handwerksnavigator an. (Quelle: Handwerksnavigator)

Konkreter wird es bei der Visualisierung. Hier setzt der Navigator auf einen eigenen 3D-Konfigurator, der branchenüblichen Lösungen einen entscheidenden Schritt voraus ist: Im Gegensatz zu „Hersteller-Konfiguratoren“, bei denen meist nur das eigene Produkt visualisiert werden kann, kombiniert der Handwerksnavigator z. B. verschiedene Materialien und Farben wie Ziegel, Metalldacheindeckungen, Gauben, Fensterfarben, Dachüberstände oder Dachrinnen. „Wir können vom Unterschlag bis zum First alles visuell darstellen, so kann der Kunde das ganze Bauvorhaben erleben und mitgestalten“, so Strobel.  Komplex wird es, wenn es um die Wahl einer neuen Dachfarbe oder die Gestaltung einer Gaube geht.

Detailfülle wie im Küchenstudio

„Wer schon mal ein Haus renoviert hat und vielleicht nur eine Küchenfarbe aussuchen wollte, der weiß, wovon ich rede. Da muss man sich teilweise auf 2 mal 2 Zentimeter eine Farbe aussuchen. Mit grün ist man hingegangen, mit blau kommt man zurück“, berichtet Strobel. Der Bauherr sieht, wie ein anthrazitfarbenes Fenster zu einem braunen Dachziegel und einer roten Klinkerfassade passt und kann im Gespräch Alternativen ausprobieren. Auch die Dämmung, der Achsabstand der Sparren oder ob Fördermittel beantragt werden, berücksichtigt das Programm und fasst dies alles digital zusammen.

Ein modernes Ziegelhaus mit einer Solaranlage auf dem Dach.
Blick auf das Feature "Einbauteile". (Quelle: Handwerksnavigator)

Das klingt aufwändig und sieht auch recht technisch aus. Doch genau hier sieht der Dachdeckermeister einen vertrieblichen Vorteil: „Mit unserem Navigator sinkt die Beratungszeit, der Kunde ist früher und besser im Bilde und trifft Entscheidungen auf solider Basis“. Den Erfolg kann der Dachdeckerbetrieb in Zahlen messen, die bei Eissing permanent ausgewertet werden. „Unsere Abschlussquote bei Angeboten seit Einsatz der Software ist spürbar gestiegen, mit weniger Zeitaufwand pro Projekt, da Vorarbeit und Dokumentation strukturierter ablaufen“, sagt Strobel. Gleichzeitig profitiert der Dachdeckerbetrieb von einer professionelleren Außenwirkung und einem effizienteren Einsatz der Ressourcen..

Nachtstunden ohne Ende

Die Entwicklung war und ist ein langfristiges Tüftelprojekt im Team: Neben Strobel und Eissing brachte ein befreundeter Softwareentwickler das notwendige IT-Fachwissen ein. Gestartet als interne Lösung, entwickelte sich das Tool in drei Jahren zur marktfähigen Software, inklusive Gründung einer eigenen GmbH. Marketing und Vertrieb laufen, wie bei Startup oft üblich, noch nebenher in Nachtschichten. „Wir sind zwölf, dreizehn Stunden hier in der Dachdeckerei. Dann machen wir danach noch den Konfigurator und Familie haben wir beide auch noch“, lacht Strobel und wirkt dabei entspannt. Dabei ist familiäre Rückendeckung kein Luxus, sondern für Strobel elementar: „Wir haben sehr starke Rückendeckung von unseren Frauen. Sie sehen, dass uns das unglaublich Spaß macht und dass wir da drin aufgehen“.

Der Handwerksnavigator richtet sich primär an kleine und mittlere Dachdecker, die ihre Beratungs- und Außendienstprozesse modernisieren wollen. Er ist webbasiert, läuft auf allen Endgeräten und kann somit von jedem Handwerker genutzt werden.

Die Kosten halten Strobel und Eissing bisher bewusst moderat: Standard sind jährliche Basispakete, die dem Bedarf und der Betriebsgröße angepasst werden können, eine Investition, die sich meist schon mit wenigen Aufträgen amortisieren. Dafür tingelt Strobel über sein Bundesland Schleswig-Holstein hinaus und versucht, andere Dachdecker und Spengler von der Idee zu überzeugen. Das ist oft mit viel Zeit verbunden, aber es lohnt sich. Dabei tauscht man sich unter Kollegen aus und stellt schnell fest, dass alle die gleichen Probleme haben und einfache Lösungen suchen.

Ausblick: KI und Individualisierung auf dem nächsten Level

Der nächste Schritt geht in eine neue Richtung: „Wir arbeiten an einer KI-gestützten Lösung, die den Beratungsprozess im Handwerk noch einmal deutlich vereinfacht und auf ein noch höheres Niveau heben wird. Ziel ist es, bestehende Abläufe intelligenter zu verknüpfen und die Möglichkeiten in der Kundenberatung spürbar zu erweitern, ein echter Gamechanger für den Alltag auf der Baustelle und im Büro“, sagt Strobel.

Zudem ist bald eine Art Hausmesse geplant. Der Unternehmertag bringt ausgewählte, namhafte Digitalisierungslösungen aus der Branche zusammen. Gemeinsam geben Experten einen Einblick, wie moderne Tools Handwerksbetriebe ganzheitlich unterstützen können. Von den ersten Schritten im Kundenkontakt bis hin zur Organisation im Arbeitsalltag. Eingeladen sind Handwerksbetriebe aus dem Dachbereich, die offen für neue Impulse sind und ihren Betrieb zukunftsorientiert weiterentwickeln möchten. „Zusätzlich bieten wir die Möglichkeit, in persönlichen Terminen oder online Meetings einen tieferen Einblick zu bekommen. So können offene Fragen direkt geklärt und individuelle Ansätze besprochen werden“ so Strobel.

www.handwerksnavigator.de

zuletzt editiert am 28. Mai 2026
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