Zwei Handwerker stehen auf einem Dach und lächeln in die Kamera, während sie den Daumen hochhalten.
Dachdeckermeister Tom Heinemann und Bùi Thanh Tùng auf einer Baustelle. (Quelle: Heinemann)

Porträts 2026-05-11T07:09:23.108Z Von Ziegeln und Zusammenhalt

Porträt: Nachwuchsprobleme kennen Dachdecker seit Jahren schon. Tom Heinemann und Roberto Heilscher gehen mit einem mutigen Schritt voran. Seit August 2025 arbeiten in ihren Dachdeckerbetrieben jeweils ein Azubi aus Vietnam. Wir berichten, wie die gelungene Integration den Unternehmern neue Chancen bietet.

Der Startschuss kam aus einer Rundmail des Landesinnungsverbandes (LIV) Sachsen. Die Einladung zur Informationsveranstaltung der Firma Akadia Power GmbH, die vietnamesische Fachkräfte und Azubis vermittelt, landete bei Tom Heinemann im Postfach. „Zuerst waren wir skeptisch, aber die Zeit drängt. Ohne Nachwuchs würden wir in ein paar Jahren schließen müssen“, gibt der Dachdeckermeister aus Niederau zu. Gemeinsam mit zwei anderen Dachdeckerbetrieben wagte er den Versuch, internationale Auszubildende ins Handwerk zu integrieren. Akadia organisierte eine Videokonferenz mit vier vietnamesischen Kandidaten, die sich gemeinsam mit einem Übersetzer vorstellten. „Jeder Betrieb wählte seinen Favoriten aus, und so konnten wir zwei Azubis für unsere Ausbildung gewinnen“, berichtet Dachdeckermeister Roberto Heilscher aus Diera-Zehren.

Eines der größten Hindernisse blieb der bürokratische Aufwand: Visa, Kontoeröffnung, Wohnungssuche, steuerliche Anmeldung, oder der Führerschein. „Das fühlte sich manchmal an, als hätte man ein weiteres Kind an die Hand genommen“, gibt Heinemann ehrlich zu. Doch hier griffen der Landesinnungsverband des Dachdeckerhandwerks Sachsen und Akadia unterstützend ein. Vor allem Thomas Münch, Geschäftsführer vom LIV Sachsen, der das Projekt maßgeblich koordinierte, erwies sich als entscheidender Ansprechpartner. „Ohne ihn und die Begleitung durch den Verband hätten wir es bestimmt nicht gemacht“, gesteht Heinemann.

Pilotprojekt: Zimmer- und Teamarbeit teilen

Von Anfang an war klar, dass eine gelungene Integration nicht nur aus der fachlichen Ausbildung bestehen konnte. Die Dachdecker kümmerten sich um eine gemeinsame Wohnung in Meißen, was sowohl praktische als auch soziale Vorteile brachte. Dieser familiäre Ansatz half dabei, kulturelle Unterschiede zu überbrücken und die Azubis in die neue Umgebung hineinzuführen. „Nach Feierabend hatten sie ihre eigene kleine Community, die ihnen den Einstieg erleichterte“, berichtet Tom Heinemann. Das Ziel war klar: Die Azubis sollten sich nicht isoliert fühlen, sondern langsam in die neue Umgebung hineinwachsen. Ein Vorteil war, dass bereits eine lange Tradition ausländischer Arbeitskräfte bestand; bis 1989 stellten vietnamesische Vertragsarbeiter die größte Gruppe der in die DDR geholten ausländischen Arbeitskräfte. Das funktionierte von der historischen und logistischen Perspektive also schon recht gut.

Ein Handwerker arbeitet auf einem Dach und verwendet Werkzeuge, um eine Dachrinne zu reparieren.
Mai Tien Than beim Löten einer Dachrinne. (Quelle: Heilscher)

Sprachbarrieren und schnelle Lösungen

Doch die ersten Wochen zeigten: Der Weg war teilweise mühsam. Tom Heinemann und Roberto Heilscher sind pragmatische Unternehmer, die erst mal anpacken, bevor sie sich über eventuelle Hindernisse den Kopf zerbrechen Aber auch sie mussten lernen. Denn Integration braucht Zeit, im Idealfall einen Plan und Geduld mit den Behörden. „Von den unterschriebenen Lehrverträgen bis zu den Unterlagen der Botschaften dauerte es doch rund drei Monate, bis wir alles zusammen hatten“, so Heilscher.
Als die Ausbildung endlich starten konnte, war schnell klar: Die Sprachbarriere war und bleibt die größte Herausforderung. Trotz eines absolvierten B1-Sprachkurses vor der Einreise war die Verständigung mit zum Beispiel Bùi Thanh Tùng schwierig. „Es ging nur mit Händen, Füßen und Übersetzungs-Apps. Berufsspezifische Begriffe wie ‚Unterspannbahn‘ oder ‚Biberschwanzziegel‘ waren ein Buch mit sieben Siegeln“, so Heinemann.

Wie also das Problem lösen, möglichst schnell und unbürokratisch? Gemeinsam mit der Arbeits-Vermittlungsagentur Akadia Power und dem LIV Sachsen organisierten die Handwerksbetriebe eine eigene Sprachschule für die insgesamt sechs Vietnamesen. Innerhalb weniger Wochen stand das Projekt. Seitdem findet dreimal wöchentlich im Verbandshaus in Dresden Präsenz-Unterricht statt, mit Fokus auf technische Fachbegriffe und Arbeitsanweisungen. Also Pauken und Nachsitzen für die jungen Nachwuchs-Dachdecker. „Wir haben vereinbart, dass die Jungs drei Tage Sprache lernen und danach gleich wieder auf die Baustelle gehen – damit sie das Gelernte direkt umsetzen können. Das macht Sinn und war uns allen wichtig“, erklärt Roberto Heilscher.
Die Kurse sollen die Azubis bis zum Sprachniveau B2 führen, das sowohl für den Arbeitsalltag als auch mögliche Weiterbildungen entscheidend ist. Heinemann ergänzt: „Das war ein Kraftakt, aber nach ein paar Monaten zeigten sich erste Erfolge. Unser Azubi kann sich jetzt viel besser ausdrücken, und die Kollegen merken das sofort.“
Die Kosten für den Sprachkurs wurden teilweise von den Betrieben selbst getragen, allerdings gibt es Förderungen durch den Sächsischen Hauptverband (SSSAP). Die Azubis, die das Sprachniveau B2 erfolgreich abschließen, qualifizieren sich für einen finanziellen Zuschuss, was die finanzielle Belastung für die Betriebe reduziert.

Integration mit Herz

Damit war das größte Problem aus der Welt. Denn die kulturellen Unterschiede sind kein Hindernis – im Gegenteil: Die vietnamesischen Azubis überzeugen durch Tugenden wie Disziplin, Höflichkeit und Fleiß. „Wenn etwas unklar ist, fragt der junge Mann direkt nach. Das macht vieles einfacher, und man muss nicht ständig nachkontrollieren“, lobt Heinemann. Die Beziehung zwischen den Ausbildern und den vietnamesischen Azubis ist herzlich und familiär. „Es ist, als gehörten sie zur Familie“, ergänzt Roberto Heilscher: So schickte ihm beispielsweise der Azubi Mai Tiến Thành per Whats-App seine Arbeitsaufgaben, mit der Bitte um Unterstützung beim Lernen. Eine Einsatzfreude, „die man sich bei vielen deutschen Jugendlichen häufiger wünschen würde“, so Heilscher, der sich zudem vor Ort noch im Gemeinderat engagiert.
Wichtig war für beide Firmenchefs das Feedback des Teams vorab. Bei beiden Dachdeckern wurden die Mitarbeiter frühzeitig in die Entscheidungsfindung eingebunden, als klar wurde, dass der Nachwuchsmangel kreative Partnerschaften und Experimente verlangt. Die Mitarbeiter sprachen sich schon vor der Einstellung dafür aus: „Wir wussten, dass wir etwas ändern müssen, um das Unternehmen zukunftssicher auszurichten“, sagt Heinemann.

Der Zusammenhalt machte Bùi Thanh Tùng auch schnell zu einem geschätzten Teammitglied bei Dachdecker Heinemann. Das zeigte sich auch an seinen handwerklichen Fortschritten. Besonders eindrucksvoll war seine Leistung in einem überbetrieblichen Ausbildungslehrgang in Bad Schlema. Unter 14 Teilnehmer:innen wurde der junge Mann als bester Lehrling ausgezeichnet.

Den kompletten Beitrag lesen Sie in DDH 05. 2026.

zuletzt editiert am 11. Mai 2026