Ein lächelnder Mann im Anzug steht vor einem Poster mit dem Logo des Zentralverbands des Dachdeckerhandwerks.
Felix Schneider, neuer ZVDH-Vizepräsident. (Quelle: ZVDH)

Markt 2026-03-13T09:05:52.749Z „Ich verstehe die Sprache der Betriebe“

Ehrenamt: „Alles Gute ist nie beinander“ – mit diesem Satz seiner Großmutter begann Felix Schneider seine Rede auf der ZVDH-Delegiertenversammlung, mit der er sich erfolgreich um das Vizepräsidentenamt bewarb. Mit 35 Jahren ist er einer der jüngsten Vertreter im Präsidium – und der erste ohne Dachdeckermeister-Titel. Im Interview spricht Schneider über seine Vision für das Handwerk, die Herausforderungen der Betriebsnachfolge und warum betriebswirtschaftliche Stabilität die Grundlage für handwerkliche Qualität ist.

Herr Schneider, herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Wahl als ZVDH-Vizepräsident. Sie sind der jüngste im Präsidium und kein Dachdeckermeister. Wie reagieren Kollegen auf diese „Besonderheit“?

„Danke. Die Reaktionen sind vielfältig – und das ist gut so. Manche Kollegen fragen nach, wie ich ohne Meistertitel die Interessen des Handwerks vertreten will. Meine Antwort: Ich bin seit Jahren in der Geschäftsleitung eines Dachdeckerbetriebs aktiv. Ich kenne die Abläufe, die Herausforderungen und vor allem die Menschen, die täglich als Dachdecker und Dachdeckerin arbeiten. Mein Fokus liegt zwar auf der betriebswirtschaftlichen Seite – aber ich weiß, worauf es im Dachdeckerhandwerk ankommt. Die Meister in unserem Verband sind die Fachleute, das steht völlig außer Frage. Wir brauchen aber auch Leute, die sich um Kalkulation, Nachfolge und stabile Rahmenbedingungen kümmern. Und diese Kompetenz möchte ich gern künftig einbringen.“

„Wie erklären Sie das Kollegen, die den Meistertitel als zentral sehen?“

„Ich sage: Der Meistertitel ist unverzichtbar für die handwerkliche Qualität – aber er ist nicht die einzige Voraussetzung, um das Handwerk zukunftsfähig zu machen. Wir brauchen beides: das fachliche Können und die wirtschaftliche Stabilität. Ich sehe mich als Brücke zwischen diesen Bereichen. Und ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich kein Dach-Deckermeister bin – aber ich verstehe die Sprache der Betriebe.“

In Ihrer Rede auf der Delegiertenversammlung betonen Sie: „Ein starkes Handwerk braucht starke Meister – und wirtschaftlich stabile Unternehmen.“ Warum ist die Betriebswirtschaft für Sie so entscheidend?

„Weil die beste handwerkliche Arbeit nichts nützt, wenn der Betrieb nicht wirtschaftlich arbeitet. Wir alle erleben es doch immer wieder: Junge Meister scheitern nicht am Fachwissen, sondern an der Frage, wie sie eine Übernahme finanzieren, wie sie auf lange Sicht kalkulieren müssen oder wie sie Liquidität über den Winter sichern. Mein Studium in Leipzig, aber vor allem meine Arbeit im Familienbetrieb haben mir gezeigt: Betriebswirtschaft ist kein ‚Nice-to-have‘, sondern die Grundlage, um langfristig gute Arbeit leisten zu können. Ohne stabile Zahlen gibt es keine stabile Zukunft.“

„Was bedeutet ‚wirtschaftliche Klarheit‘ konkret für Dachdeckerbetriebe?

„Das fängt bei der Kalkulation an: Wer seine Stundenverrechnungssätze nicht kennt, kann keine fairen Preise machen. Es geht um Liquiditätsplanung – gerade in Branchen mit saisonalen Schwankungen. Und es geht darum, Nachfolgen frühzeitig zu planen, statt sie dem Zufall zu überlassen. Viele Betriebe haben hier Nachholbedarf. Der ZVDH kann helfen, indem er Schulungen anbietet, Musterkalkulationen bereitstellt oder Beratung zur Finanzierung von Übernahmen organisiert.“

Betriebsnachfolge ist ein zentrales Thema für Sie. Über 20 % der Handwerksbetriebe stehen bis 2030 vor dieser Frage. Wo sehen Sie die größten Hürden – und wie kann der ZVDH unterstützen?

„Die größte Hürde ist die Unsicherheit – auf beiden Seiten. Inhaber fragen sich: Was passiert mit meinem Lebenswerk? Finde ich einen Nachfolger, der den Betrieb weiterführt wie ich? Sei es aus der eigenen Familie heraus oder über eine Lösung von außen. Junge Meister fragen: Kann ich mir das leisten? Überwiegen die Chancen der Selbständigkeit deren Risiken? Hier braucht es strukturierte Begleitung. Nachfolge darf kein Einzelkampf sein. Sie muss so selbstverständlich werden wie die Meisterprüfung. Vieles wird bereits im ZVDH-Ausschuss Betriebswirtschaft und Unternehmensführung, dem ich seit einigen Jahren angehöre, bereits umgesetzt oder ist angedacht. Hier möchte ich meine Erfahrungen in meiner neuen Position noch verstärkter einbringen.“

Sie sind jung, familiengeprägt und leben auf dem Betriebsgelände. Wie prägt die Verbindung von Privat- und Berufsleben Ihre Sicht aufs Handwerk?

„Es macht die Verantwortung greifbar. Wenn ich abends mit meinen Kindern über den Hof gehe und sie fragen, warum einer der Mitarbeiter heute so müde aussah, dann merke ich: Entscheidungen im Betrieb wirken weit über die Bilanz hinaus. Meine Familie und ich leben mit den Mitarbeitern Tür an Tür – das schafft Vertrauen, aber auch eine besondere Verpflichtung. Ich möchte, dass meine Kinder verstehen: Handwerk ist nicht nur harte Arbeit, sondern auch Gemeinschaft. Und dass man nur dann langfristig erfolgreich ist, wenn man beide Seiten im Blick hat – die Menschen und die Zahlen.“

„Wie hilft Ihnen die Haltung Ihrer Großmutter im Umgang mit Krisen?“

„‚Alles Gute ist nie beinander‘ – das ist für mich kein fatalistischer Spruch, sondern eine Arbeitsanweisung. Wenn der Fachkräftemangel uns belastet, dann schaue ich auf die steigenden Ausbildungszahlen. Wenn die Politik uns mit Bürokratie nervt, dann erinnere ich mich daran, dass wir im Handwerk seit Jahrhunderten Krisen meistern. Diese Haltung hilft mir, Lösungen zu finden, statt in Klagen stecken zu bleiben.“

Zum Schluss: Was wünschen Sie sich für das Dachdeckerhandwerk in den nächsten fünf Jahren?

„Dass wir den Mut haben, uns zu verändern – ohne unsere Stärken zu verlieren. Dass wir junge Meister und Meisterinnen ermutigen, Verantwortung zu übernehmen, und ihnen die Werkzeuge geben, um betriebswirtschaftlich sicher zu stehen. Dass wir die Betriebsnachfolge als Chance begreifen und nicht als Problem. Und dass wir in der Politik Gehör finden – nicht als Bittsteller, sondern als Partner, die wissen, wie man nachhaltig baut und arbeitet. Wenn wir das schaffen, dann bleibt das Dachdeckerhandwerk stabil – auch in stürmischen Zeiten.“

„Ein Wunsch an die Politik?

„Dass sie aufhört, uns als Gegner zu sehen. Wir brauchen keine Klassenkampf-Rhetorik, sondern klare Rahmenbedingungen: weniger Bürokratie, mehr Planungssicherheit und eine Steuerpolitik, die Investitionen belohnt. Und: Die Politik muss endlich verstehen, dass Handwerk nicht einfach nur ein Wirtschaftsfaktor ist. Im Handwerk arbeiten ist eine Identität, die verbindet.“

„Ein guter Unternehmer zu sein, heißt nicht nur, Gewinne zu machen, sondern auch, Menschen mitzunehmen“.

Felix Schneider

„Wenn Sie Ihren Kindern eines Tages den Betrieb übergeben – was wäre der wichtigste Rat?

„Dass sie nie vergessen: Ein guter Unternehmer zu sein, heißt nicht nur, Gewinne zu machen, sondern auch, Menschen mitzunehmen. Und dass sie sich trauen, Hilfe anzunehmen – sei es von Meistern, von Kollegen oder vom Verband. Verantwortung ist schwer, aber sie wird leichter, wenn man sie teilt. Wenn man das offen annehmen kann, findet man in Verantwortung viel Freude.“

zuletzt editiert am 13. März 2026