Josef Rühle im Interview zu seinem Abschied: „Viele unterschätzen ihre Leistungsfähigkeit. Unternehmen, benötigen vor allem strukturelle Hilfsmittel'. Foto: ZVDH
Josef Rühle im Interview zu seinem Abschied: „Viele unterschätzen ihre Leistungsfähigkeit. Unternehmen, benötigen vor allem strukturelle Hilfsmittel". Foto: ZVDH

Markt

21. May 2021 | Teilen auf:

„Zufall wenig Raum geben“

Über mehrere Jahrzehnte hat Josef Rühle die Strukturen des Dachdeckerhandwerks mitgestaltet. Im Interview zum Abschluss seiner aktiven Laufbahn gibt der Geschäftsführer Technik des ZVDH Einblicke in die Entwicklung der Fachtechnik und spricht über zwei Themen, die ihm besonders am Herzen liegen: Bildung und Arbeitsschutz.

Sie kommen ursprünglich aus dem Bereich der Aus- und Weiterbildung. Wie hat diese Arbeit Sie geprägt?

Mein Einstieg in das Gesamtsystem Dachdecker geschah am Bundesbildungszentrum des Deutschen Dachdeckerhandwerks in Mayen, wo ich 1979 als Lehrlingsausbilder angefangen habe. Damals konnte ich sowohl mit Berufseinsteigern als auch mit angehenden Meistern und Unternehmern arbeiten, die sich weiterbilden wollten. Zwar bringen nicht alle von Haus aus die eingeübte Fähigkeit zum Lernen mit. Aber durch das Zusammenwirken von Berufsschule, Überbetrieblicher Ausbildung und Betrieb kann auch dann ein positives Endergebnis erreicht werden – und Menschen dem Handwerk dauerhaft erhalten bleiben. Für mich war das Ausbilden immer eine große Freude: die Erkenntnis, dass die Menschen leistungsfähig sein können und ich im Rahmen meiner Möglichkeiten die Basis dafür schaffen konnte, dass es gute Betriebe gibt. Dadurch habe ich für mich so viel gewonnen, dass ich sagen kann: Das war die vielleicht schönste Zeit in meinem Leben.

Aus Verbandssicht haben wir nach meiner Überzeugung die Verantwortung, unsere Bildungsstätten zu erhalten, auch im Sinne der gesellschaftlichen Anerkennung unserer Qualifikation. Ein wichtiger Schritt dahin war das Erreichen des europäischen Bildungsstandards EQR. Danach ist der Meister in der Einstiegsgröße Bachelor verortet. Das ist ein Erfolg.

Was zeichnet eine gute Ausbildung aus?

Es beginnt beim Betrieb, der eine gute Lehrplanung haben muss. Das bedeutet, den jungen Menschen in der fachlichen Bildung nach vorne zu tragen, aber Bildung auch im größeren Zusammenhang zu sehen: Im Sozialverhalten des Teams und in der Frage, wie Mitarbeiter so integriert werden, dass ihr Selbstbewusstsein gestärkt wird und sie eigenverantwortlich arbeiten lernen. Auswendig lernen kann man Vieles, aber das Verhalten von Menschen im Team muss man durch gemeinsames Wirken lenken. Wo ginge das besser als im Handwerk?

Können neue Unterrichtsformen, wie sie im letzten Jahr gezwungenermaßen verstärkt umgesetzt wurden, den Präsenzunterricht ersetzen?

Zunächst einmal war es beeindruckend, wie schnell alle Beteiligten sich auf die Situation einstellten und sie mit digitalen Hilfsmitteln und Medien so gut gestaltet haben, dass Durchfallquoten zum Teil sogar gesunken sind. Dennoch: Die direkte Ansprache, das Lenken und Führen einer Gruppe ist weiterhin abhängig vom direkten Kontakt. Die Persönlichkeit, an der sich junge Menschen orientieren, bleibt entscheidend für den Lernerfolg. Lernen ist im besten Fall ein Event.

Wie kann man aus Ihrer Sicht die Qualität im Betrieb verbessern?

Ich hatte das Glück, in meiner Tätigkeit als Auditor viele Betriebe bei diesen Prozessen begleiten zu können. Dachdecker-Unternehmer müssen heute Techniker, Betriebswirtschaftler, Betriebsorganisator, Bildungsmanager und fast noch Volljuristen sein. Das sind Anforderungen, die in der Industrie auf vielen Schultern verteilt werden. Diese Aufgaben jeweils perfekt auszufüllen, ist nahezu unmöglich. Hier kommt der Verband ins Spiel: Was kann der Unternehmer machen, um trotzdem zum gewünschten Ergebnis zu kommen? Am Anfang steht dabei das Wissensmanagement – was ist neu, wie ist es zu verarbeiten und was ist der Produkthintergrund?

Malte von Lüttichau

Das komplette Interview lesen Sie in DDH 06.2021.