Fulda: Beim Landesverbandstag in Fulda machten Hessens Dachdecker deutlich: Sie tragen Verantwortung – aber nicht jede Last. Im Fokus der Tagung: Steuern, Sozialabgaben, Altersvorsorge und die Rolle des Mittelstands im Sozialstaat. Emotionaler Höhepunkt war die Verabschiedung von Landesinnungsmeister a. D. Stefan Schöffmann.
Den Dachdeckern geht es weiterhin gut – doch bleibt das künftig so? Der 78. Landesverbandstag des hessischen Dachdeckerhandwerks Anfang August war inhaltlich schlank, aber pointiert – mit einem konzentrierten Blick auf das, was die Dachdecker umtreibt: Steuer- und Abgabenlast, Altersvorsorge und die Frage, wie der Mittelstand unter diesen Rahmenbedingungen zukunftsfähig bleibt.
Der Verband lud gemeinsam mit der gastgebenden Dachdecker-Innung Fulda in die Barockstadt ein. Geschäftsführer Norbert Hain und der neue Landesinnungsmeister Florian Häßner begrüßten in der Orangerie rund 130 Gäste, darunter auch Ehrenlandesinnungsmeister Ludwig Held, sein Vorgänger Landesinnungsmeister a. D. Stefan Schöffmann, die beiden ZVDH-Vizepräsidenten Jan Voges und Dirk Sindermann, ZVDH-Hauptgeschäftsführer Ulrich Marx sowie die Landesinnungsmeister Karsten Kirchhoff (Brandenburg) und Mario Kunzendorf (Bayern).
Handwerker tragen die Wirtschaft
In seiner Ansprache nannte Florian Häßner die zentralen Herausforderungen klar beim Namen: Fachkräftemangel, Klimawandel, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und insbesondere die Finanzierung der Sozialsysteme. „Die Lohnzusatzkosten entwickeln sich zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Wir Handwerker investieren, wir tragen die Wirtschaft und leisten einen wesentlichen Beitrag zur Energiewende. Das funktioniert auf Dauer nur, wenn die Belastungen nicht weiter steigen. Deshalb müssen wir als Dachdecker gemeinsam Position beziehen. Nutzen wir diesen Tag, um unser Netzwerk zu stärken – wir brauchen starke Betriebe“, so Häßner.
Dr. Johannes Loheide, Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr, Wohnen und ländlichen Raum, betonte in seinem Grußwort die Bedeutung des Dachdeckerhandwerks für die Energiewende. Zugleich unterstrich er die Rolle des Landes als Partner in der Aus- und Weiterbildung und verwies auf erste positive Effekte der beschleunigten Vergabeverfahren und Entbürokratisierungsmaßnahmen. Norbert Hain dankte in diesem Zusammenhang ausdrücklich den Fördermittelgebern, „mit deren Unterstützung wir die Betriebe bei den Kosten der überbetrieblichen Lehrlingsunterweisung spürbar entlasten“.

Dirk Sindermann stellte die aktuellen Schwerpunkte des ZVDH vor – von der praktischen Umsetzung der Digitalisierung bis zur Nachwuchswerbung vor Ort und auf dachdecker.deinberuf.de. Zusätzlich ist ein umfassender Relaunch von dachdecker.de geplant, um das Dachdeckerhandwerk moderner und attraktiver zu präsentieren.
Großer Auftritt beim Hessentag
Wie engagiert, nahbar und professionell sich die hessischen Dachdecker beim diesjährigen Hessentag präsentierten, schilderte Jürgen Bug, Obermeister der gastgebenden Innung Fulda, eindrucksvoll. Die Betriebe nutzten die Bühne, um ihr Gewerk erlebbar zu machen, Menschen für das Dachdeckerhandwerk zu begeistern und direkt mit Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch zu kommen. Ein starkes Signal setzten die Dachdecker auch mit ihrem sozialen Engagement: Spenden und Erlöse in Höhe von 5.000 Euro gingen an den Verein „Ich brauche deine Hilfe e. V.“. „Wir tun etwas Gutes und zeigen, dass wir nicht nur Dächer bauen, sondern auch Herzen öffnen können“, so Bug. Besonderer Dank ging an Leon Hain und Sebastian Siefert, die ohne zu murren bis zu zehn Stunden lang das Dachdeckerhandwerk vor Ort präsentierten und dabei echte Begeisterung ausstrahlten.
Sonderapplaus für den „Cash Man“
Für gute Laune sorgte anschließend „Der Cash Man“ von der Steuerfahndung – Kabarettist Chin Meyer – inklusive Gesangseinlagen. Im Schnellfeuertakt erfuhren die Gäste, wie die Steuerfahndung tickt, welche Denkmuster Finanzämter anwenden und warum es für Betriebe gefährlich werden kann, wenn sie die eigene Finanzstruktur „nebenher“ erledigen. Für seinen humorvollen Auftritt gab es einen Extra-Applaus.

Im Anschluss ehrten Florian Häßner und Norbert Hain die hessischen Landessieger – zugleich Bundessieger der letzten beiden Jahre bei der Deutschen Meisterschaft für Dachdecker ,,German Craft Skils“: Kevin Schreijer (Bundessieger 2025), begleitet von seinem Vater Cornelis Schreijer und Valentin Bremer (Bundessieger 2024), dessen Ausbilder Jörg Halberstadt die Ehrung stellvertretend entgegennahm.
Finger in die Wunde des Sozialstaats
Anschließend wurde es ernst. Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen, bekannt für klare Worte, setzte das Thema „Cash“ auf Systemebene fort – mit Zahlen des Statistischen Bundesamtes, die wenig Anlass zur Freude gaben: „Die Staatsquote liegt erstmals über 50 Prozent, Steuer- und Beitragseinnahmen sind im Allzeithoch. Die Sozialausgaben sind historisch im Allzeithoch, die Investitionsausgaben dagegen im Allzeittief.“
Raffelhüschen machte deutlich: Ein erheblicher Teil der im Handwerk erarbeiteten Wertschöpfung landet bei Menschen, die an ihrer Entstehung nicht beteiligt sind – das Handwerk trägt das System in besonderem Maße. Zugleich warnte er vor den Folgen der Babyboomer-Rente: „80 Prozent der heutigen Beitragszahler werden künftig doppelt so viel Rentner und Kranke finanzieren müssen.“ Ein wenig Hoffnung gab es dennoch: Ab etwa 2060 werde die demografische Kurve wieder sinken – dann müssten weniger junge Menschen weniger Rentner finanzieren.

Betriebe stöhnen unter der Abgabenlast
Den Abschluss des inhaltlichen Teils bildete eine Podiumsdiskussion, bei der Dachdecker, Verbandsvertreter und Politiker die Frage vertieften, ob wir uns die hohen Sozialversicherungsbeiträge noch leisten können. Die Diskutanten: Michael Brand, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), Dr. Michael Karner, stellvertretender Vorsitzender der AOK Hessen, Dr. Stefan Hoehl, Geschäftsführer der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU) und alternierender Vorstand der Deutschen Rentenversicherung Hessen, ZVDH-Hauptgeschäftsführer Ulrich Marx und Landesinnungsmeister Florian Häßner.
Auf dem Podium wurde klar benannt, was viele Betriebe längst spüren: Die steigenden Steuern und Abgaben treiben die Preise auf den Baustellen unmittelbar nach oben und engen die Spielräume der Unternehmen ein. Deutschland leistet sich im internationalen Vergleich eine sehr hohe Zahl an Krankenhäusern, während die eigentlichen demografischen Belastungen erst noch anrollen. „Wir werden länger arbeiten und uns selbstständig um unsere Rente kümmern müssen“, sagte Dr. Stefan Hoehl. Zur aktuellen Diskussion um die abschlagsfreie Rente betonte Florian Häßner: „Wir müssen bei der Berechnung die Beitragsjahre berücksichtigen. Ein Dachdecker, der mit 16 Jahren startet, muss anders behandelt werden als jemand, der mit 30 Jahren anfängt zu arbeiten.“ Kontrovers wurde die Diskussionsrunde leider nicht. Das Fazit: Ein erster Schritt in die richtige Richtung ist getan, aber weitere Anpassungen werden folgen müssen.

Ein Gesicht des hessischen Dachdeckerhandwerks geht
Neben all den strukturellen Fragen bildete die Verabschiedung des ehemaligen Landesinnungsmeisters Stefan Schöffmann den emotionalen Höhepunkt des Verbandstags. In ihren Ansprachen stellten die Redner das langjährige Engagement Schöffmanns für das hessische Dachdeckerhandwerk in den Mittelpunkt. Über viele Jahre vertrat der Dachdeckermeister die Interessen der Betriebe und prägte die Arbeit der Landesinnung in technischen, organisatorischen und politischen Fragen. Die Verabschiedung zeigte deutlich: Sein Einsatz ging weit über das übliche Ehrenamt hinaus.
Im Rahmen des Festabends wurde neben Stefan Schöffmann auch der Obermeister Jürgen Bug geehrt. Er erhielt die Goldene Hessennadel.
Am Freitagabend trafen sich die Gäste zum Sektempfang auf der Schlossgartenterrasse, bevor im Festsaal der Festabend des 78. Landesverbandstags mit anschließender Dachdecker-Party und Live-Musik der Showband „The Hangover“ stattfand. Der Samstag stand ganz im Zeichen der Barockstadt Fulda: Die Teilnehmer besichtigten die Kuppel des Hohen Doms, erkundeten die Stadt in geführten Gruppen und ließen den Verbandstag bei einem gemeinsamen Mittagessen im Brauhaus Wiesenmühle ausklingen. Den Nachmittag nutzten viele zur freien Verfügung – als kulturellen Abschluss besuchten zahlreiche Gäste das Mystery-Musical „Der Schimmelreiter“.
