Kostenexplosion bei Baumaterialien: Dachdecker sehen Bauprojekte gefährdet, Insolvenzen drohen. Preiserhöhungen und Lieferengpässe belasten die Branche.

Hermann Vogt: Innerhalb von nur vier Wochen sind die Kosten bei Bitumen und Dämmstoffen um bis zu 40 % gestiegen, begleitet von einem Mangel an Preis- und Liefergarantien. Diese Unsicherheiten zwingen Bauherren oft dazu, Projekte zu stornieren, da sie die steigenden Mehrkosten nicht tragen können. Die Dachdeckerbranche droht vor einer Welle von Insolvenzen und Arbeitslosigkeit zu stehen, wobei aus einem Fachkräftemangel nun ein akuter Auftragsmangel wird.

Klaus Marquardt: Diese Entwicklung beobachten wir bereits seit einigen Wochen. Nahezu alle Hersteller kündigen derzeit Preiserhöhungen an. Auch im Energiebereich ist ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen: Gaspreise sollen um bis zu 40-50 % steigen. Bei PUR und EPS-Dämmung liegen die Erhöhungen nach unserer Einschätzung im Bereich von etwa 15 %, bei Kunststoffbahnen zwischen 4 und 10 %.
Aktuell ist noch nicht abschließend geklärt, wie wir mit dieser Situation umgehen werden. Besonders problematisch ist, dass selbst zuvor fest zugesagte Preise für bestimmte Liefertermine teilweise nicht mehr eingehalten werden – eine Entwicklung, die an die Zeit nach der Corona-Pandemie erinnert. Derzeit suchen wir verstärkt das Gespräch mit unseren Kunden, um zumindest einen Teil der gestiegenen Kosten weiterzugeben. Dennoch ist absehbar, dass wir einen Teil der Mehrbelastung selbst tragen müssen.

Karl-Heinz Schwarzbach: Besonders stark ziehen derzeit die Preise bei Bitumen- und PU-Herstellern an. Bei bereits beauftragten Projekten haben wir die Materialien deshalb vorsorglich vorbestellt. Gleichzeitig beobachten wir, dass es wieder vermehrt zu Hamsterkäufen kommt. Bemerkenswert ist außerdem, dass der Ölpreis an der Börse zwischen 2021 und 2022 zeitweise sogar noch höher lag – teilweise bei fast 125 € pro Barrel –, ohne dass sich dies bei uns in einer vergleichbaren Preisexplosion niedergeschlagen hat. Für mich und einige Kollegen ist das einfach nicht mehr nachzuvollziehen.
Aufträge, die nicht zwingend notwendig sind, werden deshalb zurückgestellt oder es werden nur noch Reparaturen durchgeführt. Die Anspannung in der Branche nimmt ebenfalls weiter zu, da die geplanten großen Sanierungsmaßnahmen der öffentlichen Hand bislang ausbleiben. Im Großen und Ganzen ist die Situation aus meiner Sicht inzwischen besorgniserregend.

Thomas Märkl: Deutlich schlimmer als die steigenden Benzinpreise sind die kurzfristigen und massiven Preiserhöhungen im Materialbereich. So haben die Bitumen- und Dämmstoffhersteller mit einer Woche Vorlauf zum 07.04. die Preise um 10 bis 15% erhöht. Dann kam jetzt Ende der letzten Woche nochmal eine Preiserhöhung zum 04.05. mit 12-18%. Wir kalkulieren mit einem Angebotsvorlauf von 3 Monaten und einem Auftragsvorlauf von 4-5 Monaten. Wie wir hier Preiserhöhungen im Bereich von zusammen bis zu 35% unterbringen sollen, ist mir ein Rätsel. Am Ende läuft das gerade wieder so, dass wir am Material Geld mitbringen und die Industrie und deren Vorlieferanten vor Lachen nicht in den Schlaf kommen.

Alexander Geist: In den vergangenen Wochen sind im Dachdeckerhandwerk deutlich spürbare Preissteigerungen bei zentralen Materialien wie Bitumenbahnen, Wärmedämmstoffen sowie bei Energieträgern wie Gas zu verzeichnen. Zahlreiche Hersteller und Lieferanten haben ihre Preise sowohl zum 1. April als auch nochmals zum 1. Mai angehoben. Besonders drastisch ist die Entwicklung beim Gas, wo die Preise – je nach Anbieter und Vertragslage – um bis zu 60 % gestiegen sind. Auch Bitumenprodukte sind stark betroffen, was auf gestiegene Rohstoffpreise und deutlich höhere Transportkosten zurückzuführen ist. Zusätzlich erheben viele Zulieferer inzwischen Kilometerpauschalen für Container und Krane, was die Gesamtkosten weiter erhöht. Erschwerend kommt hinzu, dass es bei einzelnen Bitumenherstellern derzeit zu Bestellstopps kommt. Damit führen nicht nur die stark steigenden Preise zu erheblichen Spannungen, sondern auch die eingeschränkte Verfügbarkeit wichtiger Materialien. Diese Kombination verschärft die Situation zusätzlich und beeinträchtigt die Planungs- und Ausführungssicherheit im Dachdeckerhandwerk erheblich.