Ausbildung: Dachdecker:innen der Berufsschule Waldkirchen, der Schweizer Berufsschule Polybau und aus Siebenbürgen verbinden ihr Know-how über Ländergrenzen hinweg. Mit Schüleraustausch, Dachsanierungen und Projekten zu erneuerbaren Energien gestalten die jungen Nachwuchskräfte eine internationale Zusammenarbeit.
Die Berufsschule Waldkirchen demonstriert eindrucksvoll, wie der europäische Gedanke im Handwerk gelebt werden kann. Mit innovativen Partnerschaften und praxisnahen Projekten hat die Dachdeckerabteilung der Schule ein Netzwerk geschaffen, das Schülern und Lehrern eine einzigartige interkulturelle und berufliche Erfahrung bietet. Seit 2017 besteht eine enge Zusammenarbeit zwischen der Berufsschule Waldkirchen und der Schweizer Berufsschule Polybau in Uzwil. Projektleiter und Fachlehrer Rainer Groß und Marc Ammann nehmen Dachdecker-Azubis auf internationale Lehrfahrten mit und zeigen, wie variabel und international der Dachdecker:innen-Beruf sein kann.
Kooperation mit der Schweiz: Lernen durch Handwerk
Durch die Partnerschaft der Schulen wurden unter anderem Schüleraustausche etabliert, bei denen die Lernenden praktische und theoretische Kenntnisse der jeweils anderen Region erwerben. Während der zweiwöchigen Treffen nehmen die Schülerinnen und Schüler am Unterricht in der Gastschule teil und besuchen überbetriebliche Kurse. Dabei werden nicht nur unterschiedliche Dachkonstruktionen kennengelernt, sondern auch spezifische Techniken erlernt, die im eigenen Land nicht üblich sind. So gewinnen die deutschen Schüler Einblicke in die Solarmontage und den Umgang mit persönlichen Schutzausrüstungen (PSAgA), die in der Schweiz verbreitet sind. Umgekehrt lernen die Schweizer den Umgang mit speziellen Biberkehlen und Schieferdeckungen, die in Deutschland häufiger zum Einsatz kommen.
In einer praktischen Einheit in Waldkirchen haben die Schweizer Gäste beispielsweise Dächer von Spielhäusern saniert. Dabei führten sie eigenständig Blecharbeiten und die Bitumenschindeldeckugnen durch – eine für viele Teilnehmer neue Erfahrung. Auf der anderen Seite ist es für die deutschen Schüler eine wertvolle Gelegenheit, mit Schweizer Techniken und Konstruktionen zu arbeiten, wie sie in überbetrieblichen Kursen bei Polybau gelehrt werden. Ein besonders beeindruckendes Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist das Modell eines Daches, das von den Schülern gemeinschaftlich angefertigt wurde und heute im Eingangsbereich der Polybau-Schule ausgestellt ist. Dieses Projekt symbolisiert die Verbindung zwischen den beiden Schulen und wird von allen Besuchern bewundert.
Internationale Denkmalpflege: Dach-
decker auf den Spuren der Geschichte
Ein weiteres Highlight der internationalen Aktivitäten ist die Beteiligung an der Sanierung der Kirchenburg in Martinsdorf, Rumänien. Deutsche und Schweizer Dachdeckerlehrlinge arbeiten dabei gemeinsam an der Instandsetzung dieses Kulturerbes, wobei sie oft alte Handwerkstechniken anwenden, die im modernen Alltag kaum noch gebraucht werden.
Das Erasmus+-Projekt „Sanierung der Kirchenburg in Martinsdorf, Siebenbürgen“ hat den Teilnehmenden vielfältige Möglichkeiten zur nachhaltigen Entwicklung im Handwerk eröffnet. Im Rahmen des Projekts wurden nachhaltige Materialien und Techniken eingesetzt, um die historische Bausubstanz der Kirchenburg langfristig zu schützen und gleichzeitig moderne Ansätze wie erneuerbare Energien zu integrieren. Bei der Dachsanierung kamen Dachziegel von Erlus zum Einsatz, deren Qualität dafür sorgt, dass die in Rumänien üblichen jährlichen Reparaturen überflüssig sind. Um die Windsogberechnung kümmerte sich Friedrich Ossenberg Schule FOS und lieferte gleich die passenden Sturmklammern. Diese langlebigen Materialien bieten den historischen Gebäuden nachhaltigen Schutz vor Witterungseinflüssen und tragen wesentlich zur Erhaltung des Denkmals bei.


Auch das Thema erneuerbare Energien spielte während des zweiwöchigen Aufenthalts eine zentrale Rolle. Auf dem Dach eines Nebengebäudes wurde eine Solarthermie-Anlage installiert, die praxisnah demonstriert, wie Handwerk und Umweltschutz ineinandergreifen. Aufgrund des engen Zeitplans konnte die Montage einer kleinen Photovoltaik-Anlage jedoch nicht realisiert werden, was in einem späteren Projektzeitraum nachgeholt werden soll. Dies eröffnet weiteren Teilnehmenden die Chance, sich in diesem Bereich weiterzubilden.

Sechs Dachdeckerlehrlinge aus dem ersten und zweiten Ausbildungsjahr sowie ein Spenglerlehrling aus München nahmen an dem Projekt im Rumänien teil und konnten wertvolle berufliche Erfahrungen sammeln. Besonders hervorgehoben wurde die Zusammenarbeit mit anderen Gewerken, die das Projekt zu einer interdisziplinären Lernerfahrung machte. Unter Anleitung setzen die Auszubildenden Dächer instand und lernten dabei traditionelle Verfahren wie die Aufmörtelung von Ziegeln oder die Arbeit mit Handwerkzeugen. Diese Arbeit stellt nicht nur eine fachliche Herausforderung dar, sondern verbindet die Teilnehmenden auch mit der Geschichte und Kultur Europas.

Besonders bemerkenswert ist, dass die Lehrlinge – unter fachkundiger Aufsicht – selbst Verantwortung übernehmen und aktiv zur Rettung eines Denkmals beitragen. Diese Erfahrung ist in der beruflichen Bildung einzigartig und schafft einen bleibenden Eindruck bei den Beteiligten. Eine Teilnehmerin, Marlene Eß, erklärte in der Feedbackrunde: „Die zwei Wochen waren eine hervorragende Erfahrung und eine großartige Zusammenarbeit von verschiedenen Gewerken.“ Dieses Zitat spiegelt die positiven Erlebnisse und den hohen Wert des Projekts für die persönliche und berufliche Entwicklung der Teilnehmenden wider.

Lernen für die Zukunft: Erneuerbare Energien im Handwerk
Ein weiteres Projekt im Rahmen der Kooperation widmet sich der Zukunft des Handwerks: der Integration von Solartechnologie. Gemeinsam mit Partnern aus Rumänien und der Schweiz erarbeiten die Lehrer Konzepte für die Montage und den Betrieb von Photovoltaik-Anlagen. In den kommenden Jahren sind praktische Trainings geplant, bei denen die Dachdecker nicht nur Solaranlagen installieren, sondern auch lernen, wie diese mit den bauphysikalischen Anforderungen von Dächern kompatibel gemacht werden. Die erste Testanlage soll auf einem Gebäude in Martinsdorf errichtet werden, was erneut die Verbindung von traditionellem Handwerk und moderner Technik symbolisiert.
Eine neue Form der „Walz“ für Dach-
decker:innen
Die internationalen Projekte bieten den Schüler:innen eine moderne Form der handwerklichen „Walz“. Indem sie in anderen Ländern arbeiten und lernen, erwerben sie neue Fertigkeiten, erweitern ihre Perspektiven und bauen interkulturelle Kompetenzen auf. Die Zusammenarbeit zwischen der Berufsschule Waldkirchen, Polybau Uzwil und den Partnern in Rumänien zeigt, wie Handwerk, Bildung und europäische Integration Hand in Hand gehen können. Junge Menschen profitieren nicht nur beruflich, sondern entwickeln auch ein Verständnis für die Vielfalt und Gemeinsamkeiten innerhalb Europas.
Links zu den beteiligten Organisationen:
www.handwerkerschule.eu
www.bsz-campus.de
www.polybau.ch