Ein Handwerker lehnt auf einem Gerüst in einem Dachboden während Renovierungsarbeiten.
Dachdeckermeister Tim Heiße (Quelle: Stork-Media)

Interview 2026-06-15T12:19:03.585Z „Erleben Sie bitte einmal unseren Alltag,
Herr Merz!“

DDH hat Dachdeckermeister Tim Heiße auf der Baustelle besucht. Er sagt, was ihn als Handwerksmeister und Inhaber eines „kleinen“ Betriebs umtreibt.

DDH: Was denkst Du, wenn Du Gut Wohlbedacht heute anschaust?

Tim Heiße: Wenn man am Ende vor einem Objekt wie Gut Wohlbedacht steht und sieht, was man gemeinsam geschaffen hat, dann möchte man eigentlich gar nicht aufhören. Diese Arbeiten machen einen stolz und zeigen, warum das Handwerk für viele von uns eben nicht nur ein Job, sondern Leidenschaft ist. Und ich bin stolz auf meine Mitarbeiter. Trotz aller Sorgen sind es genau diese Projekte, die zeigen, warum man den Beruf liebt.

Welche Sorgen sprichst Du an?

Tim Heiße: Die momentane Lage hier in Deutschland macht vielen Handwerksbetrieben wirklich zu schaffen. Gerade als junger Unternehmer fragt man sich oft, wie es mit den ständig steigenden Materialpreisen weitergehen soll, besonders bei kleinen Firmen wie unserer. Ich hatte selbst schon oft Momente, in denen ich überlegt habe, alles hinzuschmeißen, obwohl mir mein Beruf unglaublich viel Spaß macht und ich das Handwerk eigentlich mit voller Leidenschaft ausübe. Dazu kommt, dass hinter unserer Firma nicht nur irgendein Betrieb steckt, sondern viel Herzblut und jahrelange Arbeit. Mein Senior hat die Firma damals aufgebaut. Genau deshalb will man das Ganze nicht einfach aufgeben, sondern die Arbeit und das Handwerk weiterführen, auch aus Respekt vor dem, was er geschaffen hat. Daher liegt mir auch die Nachwuchsförderung am Herzen. Ich engagiere mich gerne bei Ausbildungsmessen oder beim Kita-Wettbewerb, damit Kinder und Jugendliche sehen, dass es noch mehr gibt als Schule oder Kindergarten, nämlich echtes Handwerk mit Zukunft. Aber wenn die Belastungen immer größer werden, verliert man als mittelständisches Unternehmen irgendwann die Motivation. Es wird alles teurer: der Sprit für die Fahrzeuge, das Material auf den Baustellen und viele weitere Kosten. Gleichzeitig merken wir auf dem Land immer häufiger, dass viele Menschen sich die Arbeiten kaum noch leisten können oder schlicht nicht mehr bereit sind, die Preise zu zahlen. Das Problem ist aber: Wir müssen unsere Mitarbeiter trotzdem fair bezahlen und als Betrieb wirtschaftlich überleben. Oft hat man das Gefühl, dass die Politik gar nicht wirklich versteht, wie schwer es kleine Betriebe mittlerweile haben. Dabei sollte gerade das Handwerk mehr Wertschätzung bekommen, denn ohne Handwerker läuft hier nichts: kein Strom, kein Wasser, keine Gebäude und keine Dächer.

Was könnte Deiner Meinung nach helfen?

Tim Heiße: Ich würde mir wünschen, dass Politiker mal einen oder mehrere Tage unseren Arbeitsalltag miterleben. Dann würden sie sehen, was wir täglich leisten und mit wie viel Herzblut wir unseren Beruf ausüben. Die Politiker, die das gerne einmal erleben möchten, können sich gerne bei mir melden. Auch unserem Kanzler würde ich das mal gönnen, gerade weil wir beide aus dem Sauerland kommen. Vielleicht bekommt man dann nochmal einen anderen Blick darauf, was das Handwerk und der Mittelstand tagtäglich leisten.

Deine Gedanken für die Zukunft?

Tim Heiße: Eins ist für mich klar: KI wird uns Handwerker niemals ersetzen können. Maschinen können vielleicht vieles berechnen oder planen, aber keine Erfahrung, keine Leidenschaft und kein echtes Handwerk ersetzen. Am Ende braucht es immer Menschen, die anpacken, Verantwortung übernehmen und mit ihren Händen etwas erschaffen. Gleichzeitig wünschen sich viele Betriebe weniger Bürokratie, mehr Unterstützung für den Mittelstand und einen verantwortungsvolleren Umgang mit unseren Steuergeldern. Und vielleicht sollte man auch in den Schulen wieder mehr Dinge fürs echte Leben vermitteln. Wir hatten früher noch Werkunterricht oder Hauswirtschaft, also kochen und praktische Dinge, die einem später wirklich weiterhelfen. Genau solche Fähigkeiten gehen heute leider immer mehr verloren.

zuletzt editiert am 15. Juni 2026
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