ZVDH-Präsident Dirk Bollwerk und ZVDH-Hauptgeschäftsführer Ulrich Marx. Quelle: ZVDH Quelle: ZVDH
Gemeinsam im Dialog mit Minister Altmaier: ZVDH-Präsident Dirk Bollwerk und ZVDH-Hauptgeschäftsführer Ulrich Marx. Foto: ZVDH Quelle: ZVDH

Interview

14. June 2021 | Teilen auf:

Holzpreise: Gesucht wird eine europäische Lösung

Baustoffpreise: Die gestiegenen Preise für Holz und Dämmstoffe belasten Dachdecker und Zimmerer gleichermaßen. Im Interview erläutern ZVDH-Präsident Dirk Bollwerk und ZVDH-Hauptgeschäftsführer Ulrich Marx die Gründe und was sie sich dabei von Bundeswirtschaftsminister Altmaier versprechen.
Malte von Lüttichau und Johannes Messser

Während die Dachdecker 2020 wirtschaftlich gut durch die Pandemie kamen, hat sich seit Jahresbeginn die Situation rund um Einkaufspreise und Lieferfristen vor allem von Holz zugespitzt. Wie haben Sie die Entwicklung erlebt?

Dirk Bollwerk: Das war wirklich ein Schock. Eben noch haben wir uns auf die Schulter geklopft, weil wir die Corona-Zeit im Großen und Ganzen gut gemeistert haben und die Auftragsbücher wirklich rappelvoll sind, da wurden wir komplett eingebremst, weil die Holzpreise stiegen und immer noch steigen. Aber dazu kommt, dass sich die Lieferzeiten drastisch nach hinten verschoben haben, mittlerweile kann man froh sein, wenn im August oder September geliefert wird.

Kam diese Entwicklung überraschend?

Dirk Bollwerk: Ja, sehr überraschend, es hat uns kalt erwischt. Darauf waren wir absolut nicht vorbereitet, das war schon sehr heftig. Und es ergeben sich ja immer wieder neue Entwicklungen: Mittlerweile habe ich Probleme, Gerüste für neue Projekte zu bekommen. Hintergrund ist der Umstand, dass Baustellen stillstehen, weil es dort wegen Holzmangel nicht weitergeht. Und die Gerüste, die dort ungenutzt verbleiben, können dann für neue Bauprojekte nicht genutzt werden. Auch wieder so eine Rattenschwanz-Auswirkung, die man auf den ersten Blick gar nicht gesehen hat.

Die Gründe für die hohen Preise und geringen Verfügbarkeiten scheinen komplex. Welche sind die entscheidenden aus Ihrer Sicht?

Ulrich Marx: Es gibt tatsächlich eine ganze Reihe von Gründen, die da zusammenkommen. Das sind zum einen die gestiegenen Exportraten vor allen Dingen im letzten Jahr in die USA und nach China. Die USA hat einen großen Holzhunger, auch bedingt durch  die Nachwirkungen des aufgelösten Freihandelsabkommen mit Kanada. Und im 1. Halbjahr 2020 exportierte Deutschland um fast die Hälfte mehr Nadelrundholz als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Die gestiegene Menge ist zum Großteil auf die Lieferungen nach China zurückzuführen. Das waren immerhin 4,2 Mio. Festmeter . Die gestiegenen Ausfuhren waren vor allem der hohen Schadholzmenge in Deutschland geschuldet. Ein weiterer Grund ist der generelle weltweite Bauboom. Holz wird als Baustoff in der letzten Zeit zunehmend attraktiver, auch im Zuge der Diskussion um nachhaltiges Bauen. Dann wirkten sich Engpässe auf dem Containermarkt aus. Zudem wurde weniger Holz aus Skandinavien und Russland importiert. Aber ganz wichtig ist die Feststellung, dass es eigentlich keine wirkliche Holzverknappung in deutschen Wäldern gibt. Es wächst auch genügend Holz nach. Es ist vor allem ein Problem der Verarbeitung des bereits vorhandenen Holzes. Und hier haben wir festgestellt, dass ein Nadelöhr die Sägeindustrie ist. Dort sind in den letzten Jahren fast 40% der vor allem kleineren Betriebe weggebrochen, bei gleichzeitigem Anstieg der Produktion.

Was halten Sie von der verbreiteten Forderung, einen Exportstopp für Holz auszurufen?

Ulrich Marx: So einfach ist es nicht, einen Exportstopp oder eine -beschränkung zu verhängen. Das geht im freien Binnenmarkt nur über die EU. Und selbst, wenn man sich dort einig wäre: Wir müssen auch beachten, dass solche Exportschranken auch immer Gegenreaktionen auslösen. Und das beträfe nicht nur reine Exportbranchen. Auch wir im Dachdeckerhandwerk sind bei vielen Materialien auf Importe angewiesen, vor allem bei kunststoffbasierten Produkten. Wir leben in einer globalisierten Welt, mit all ihren Vor- und Nachteilen.

Was unternimmt der ZVDH, um die Lage der Dachdeckerbetriebe zu verbessern?

Ulrich Marx: Zum einen informieren wir regelmäßig über die aktuelle Situation. Wichtig war es, die Betriebe über die rechtlichen Handlungsmöglichkeiten zu sensibilisieren, damit sie nicht auf den höheren Kosten bei privaten und gewerblichen Kunden sitzenbleiben. Stichwort: Preisgleitklausel. Die Umfrage, die wir zuletzt unter unseren Betrieben durchgeführt haben, erlaubte es uns, mit belastbaren Zahlen an die Öffentlichkeit zu gehen, und so Politik, aber auch Verbraucher auf die Misere aufmerksam zu machen. Zudem haben wir direkt den engen Austausch mit dem Baufachhandel und der Bedachungsindustrie gesucht, die ebenfalls von den Preissteigerungen überrascht wurden.  Die Bedachungsbranche ist  sehr eng mit ihren Kunden verbunden, sie haben kein Interesse daran, diese ohne Not zu verprellen und zu verärgern.

Was können Betriebe in der angespannten Lage konkret tun? Ist es sinnvoll, sich künftig einen Vorrat an zum Beispiel Dämmstoffen und Lattholz anzulegen?

Dirk Bollwerk: Von großer Vorratshaltung raten wir ab, das würde die Preisspirale nur weiter nach oben drehen. Abgesehen davon ist es unfair, denn große Mengen zu horten können sich nur große Betriebe mit viel Lagerplatz leisten. Da hätten die kleinen Betriebe ein Nachsehen, und die sind sowieso schon mehr gebeutelt.

Erste Erfolge nach dem "Runden Tisch"


1. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil hat eine Verlängerung des Kurzarbeitergelds bis mindestens September 2021 in Aussicht gestellt. Die Verlängerung wurde Anfang Juni beschlossen.

2. Das Baumininsterium hat in einem aktuellen Schreiben hat auf die Anwendung von Preisgleitklauseln für öffentliche Bauaufträge – auch in laufenden Vergabeverfahren – hingewiesen. Ausdrücklich wird zudem die Möglichkeit zur Verlängerung von Vertragsfristen bei Nichtverfügbarkeit von Materialien genannt. 

ZVDH-Kommentar: Die schnelle Reaktionen auf unsere gemeinsam mit den Bauverbänden vorgetragene Forderung ist das Ergebnis einer schlagkräftigen Lobbyarbeit der gesamten Berufsorganisation. Die Öffentliche Hand hat somit deutlich auf unsere Interventionen reagiert und Preisgleitklauseln einen großen Spielraum gegeben, selbst für laufende Verfahren. Natürlich bleibt erstens abzuwarten, ob und wie schnell die Vorgaben in der Vergabepraxis umgesetzt werden. Bisher ist es eher ein Appell, auch wenn in der Richtlinie aufgeführt wird, was vergaberechtlich möglich wäre.

Zweitens: Das ist erst einmal eine Empfehlung auf Bundesebene. In welcher Form diese auf Landes- und Kommunal-Ebene umgesetzt wird, ist daher die interessantere Frage, denn mit rund 80 % der Bauvergaben sind Länder und Kommunen die wichtigsten Akteure im Spiel.

Fazit: Der Erlass geht in die richtige Richtung, allerdings kann Stand heute noch nicht abschließend gesagt werden, wie schnell und umfassend die Möglichkeiten der Preisgleitklauseln und Fristverlängerungen umgesetzt werden. Ein nächster Schritt könnte sein, die Betriebe aufzufordern, nur noch dann Angebote bei öffentlichen Ausschreibungen abzugeben, wenn Preisgleitklauseln enthalten sind. Wenn erste Bau-Projekte mangels Handwerker nicht vergeben und damit nicht umgesetzt werden können, könnte hier ein schnelles Umdenken in Gang gesetzt werden.

Hinweis: ZVDH-Infoblatt: Was tun bei unvorhergesehenen Preiserhöhungen und Lieferengpässen von Bedachungsmaterialien (Mai 2021) - > abrufbar im internen Bereich (Recht -> Bau- und Vergaberecht)

Den kompletten Artikel lesen Sie in DDH 8.2021.