Befürchtet erhebliche Einbußen aufgrund der gestiegenen Preise: Zimmerer- und Dachdeckermeister Helmut Zimmer Foto: DDH
Befürchtet erhebliche Einbußen aufgrund der gestiegenen Preise: Zimmerer- und Dachdeckermeister Helmut Zimmer Foto: DDH

Markt

23. April 2021 | Teilen auf:

Dachdecker sind ratlos: Die Gründe für den Preisanstieg von EPS-Dämmstoffen

Preisanstiege: Die Preissteigerungen bei Holz und Dämmstoffen belasten Dachdecker weiterhin. Ein Rückgang der Preise ist aktuell nicht absehbar – im Gegenteil. Betroffene Dachdecker berichten.
Johannes Messer

Noch immer beobachten Dachdecker mit Sorge den lang anhaltenden Trend hoher Preise für Holz und EPS-Dämmstoffe. Der Preisanstieg für Styrol und Propylenoxid verzeichnet noch keinen Rückgang, vielmehr steigt er exponentiell. Viele Betriebe berichten von Preisanstiegen zwischen 50 und 100 %.
Zur Erinnerung: Noch im letzten Jahr waren die Preise für Dämmstoffe moderat. Dachdecker nahmen optimistisch viele Aufträge an. Im März kam dann der Dämpfer: Die Preise steigen unaufhaltsam. Dafür gibt es gleich mehrere Gründe:

  • Seit 2020 ist der Sündenbock schlechthin natürlich das Coronavirus. Bisher kam die Bauindustrie im Gegensatz zu anderen Branchen allerdings gut durch die Krise. Mittlerweile bekommen auch die Dachdecker zu spüren, dass sich das Gewicht zwischen Angebot und Nachfrage verschiebt.
  • Der Ausfall einer Produktionsanlage von Styrol und Propylenoxid führte zu Lieferengpässen und damit zu Preissteigerungen, die heute noch wirken.
  • Der Klimawandel ist für uns alle spürbar und zurzeit ist er das insbesondere in den USA. Aufgrund von Stromausfällen kam es zu einer geringeren Holzproduktion, während die Nachfrage bei den Amerikanern nach Holz jedoch gleichzeitig anstieg. Resümee: Sie importieren das Holz aus Europa, zum Beispiel aus Deutschland. Dafür sind sie auch bereit, mehr zu zahlen als die Europäer. Und das, obwohl der Baumbestand hierzulande teilweise schwere Schäden aufzeigt und sich der Markt eigentlich internationaler gestalten sollte.
  • Gleichzeitig steigt auch in Deutschland der Bedarf an EPS-Dämmstoffen. So liegt der Preis von Propylenoxid so hoch wie seit 20 Jahren nicht mehr. Das Material wird immer knapper, die Preise steigen weiter.
  • Zu guter Letzt ist kürzlich China als größter Akteur des Containermarkts ausgefallen, woraus starke zeitliche Verzögerungen entstanden, die den Weltmarkt im Allgemeinen stark belasteten.

Ähnliche krisenhafte Phänomene kennt die Dachbranche schon aus der Vergangenheit. So berichteten wir 2016 über den PUR-Engpass und 2017 über den Entsorgungsnotstand der Polysterol-Dämmstoffe.
Doch dieses Mal scheint das Problem substanzieller. Denn die Dachdeckerbetriebe und deren Kunden leiden am meisten unter den Auswirkungen.

Die Betriebe können diese Ereignisse jedoch in keiner Weise beeinflussen und sind meist dazu gezwungen, die Preiserhöhungen an ihre Kunden weiterzugeben. Oder sie müssen andere Wege gehen. Und improvisieren. Wir haben mit Dachdeckern über den Ernst der derzeitigen Lage gesprochen.

Aktuelle Statements von betroffenen Dachdeckern:

„Leider ist die Knappheit der Rohstoffe bei uns ein extrem aktuelles Thema, welches sogar dazu geführt hat, dass wir in bestimmten Bereichen Kurzarbeit melden mussten. Vorangegangen war die Schlechtwetterfront der vergangenen drei Monate zuzüglich der bekannten Corona-Problematik, die uns Handwerkern sowieso das Leben schwer macht. Bereits hier sind wir an Grenzen gestoßen, die uns vor unglaubliche Kosten gestellt haben. Die aktuelle Marktsituation bürgt uns wieder eine Hürde auf, die nicht so einfach zu stemmen ist. Aktuell erhalten wir nur noch Tagespreise – wie sollen wir damit kalkulieren? Nebenbei erfahren wir noch, dass es Lieferzeiten von bis zu 15 Wochen geben soll. Das ist absolut nicht tragbar und stellt uns vor neue Herausforderungen. Hierbei betrifft es vor allem im Bereich Industrie die Bauten Sandwich und Thermo Dach/Fassade. Im Flachdach/Steildach mit Polysterol sind Dämmungen sowie Holz und sämtliches Zubehör (C- Artikel) betroffen. Zum Vergleich: Eine Dachlatte, die 2020 noch zwischen 0,33 Euro und 0,40 Euro gekostet hat, liegt aktuell bei 0,90 Euro beziehungsweise 1,25 Euro.
Dazu kommen noch die Lieferengpässe, welche uns aktuell neun Baustellen stillstehen lassen. Was soll ich tun? Ich selber bleibe am Ende auf allen Mehrkosten sitzen. Kein Hahn kräht danach, WIE ich das bewältigen soll, sondern die Kunden möchten nur günstige und schnelle Ergebnisse sehen. Es ist leider so. Selbst wenn VOB oder BGB einen Geltungsbereich haben, ist es äußert schwer, Forderungen zu stellen. Wie soll ich die Gerüstkosten/Standzeiten stemmen?
Meine Mitarbeiter bezahlen? Die Kunden hinhalten? Diese Fragen kann mir keiner beantworten.

Eine Frage schwebt vor allem über der ganzen Misere: WIESO schiebt keiner einen Riegel vor sämtliche Auslandsverträge? Wir beliefern China und die USA und müssen selber mit teurem „Schrott“ zurechtkommen? Für mich ist das leider unverständlich. Mein Fazit: Dies wird das schlimmste Jahr seit Langem, weil alle Probleme zeitgleich auf das Handwerk einprasseln und die angespannte Kundschaft nicht entsprechend richtig bedient werden kann.“
Andrej Bauer, Laichingen

Unschön aus der Affäre gezogen

„Hersteller und Lieferanten ziehen sich unschön aus der Affäre und der Handwerker ist der Depp. Einfach mal so höhere Gewalt behaupten und sich an seine Angebote nicht mehr binden. Soweit ich weiß, sieht die VOB da nichts vor. Das bedeutet, wenn meine Kunde kulanterweise nicht mehr bezahlt, habe ich Pech gehabt. Ich konnte jetzt bei einem Projekt zumindest eine 50/50-Lösung verhandeln. Aber wenn der Kunde nicht will, was machst du dann? Mit dem Anwalt drohen? Sicher nicht.“
Klaus Marquardt, Waghäusel

„Die gestiegenen Rohstoffpreise betreffen uns sogar sehr. Da wir durch unser angegliedertes Abbundzentrum auch sehr viel Holzarbeiten, sprich Holzständerwände inklusive Dachstühle, ausliefern. Wir haben uns Anfang des Jahres über die gute Auftragslage gefreut und waren sehr schnell bis November/Dezember ausgebucht, mit zwei Projekten jede Woche. Jetzt stehen wir Anfang April, konnten auch alles gut abarbeiten. Aber wir haben wirklich das Problem, dass die Ware zum größten Teil gar nicht mehr lieferbar ist, etwa OSB-Platten für die Innenaussteifung der Wände erst Oktober/November. Aber nicht nur die schlechten Lieferbedingungen, sondern auch durch die teilweise Verdopplung der Preise-KVH (Konstruktionsvollholz) von 370 Euro auf 650 Euro, BSH (Brettschichtholz) von 550 Euro auf 920 Euro, war die Vorfreude auf die gute Auftragslage sehr schnell verflogen. Warum? Man muss mit jedem Kunden, mit dem man quasi schon eine Auftragsbestätigung abgeschlossen hat, nachverhandeln. Bei manchen Kunden geht es bei uns in den fünfstelligen Bereich.
Dies habe ich in meiner 35-jährigen Laufbahn als selbstständiger Zimmerer- und Dachdeckermeister Gott sei Dank noch nie erlebt. Diese Situation bringt nicht nur unsere Händler und Großhändler, sondern auch alle Berufskollegen an den Rand der Verzweiflung. Bei uns allen ist die Lage sehr angespannt und man hat auch schlaflose Nächte, da man nicht weiß, ob man seine Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken muss, weil man kein Material geliefert bekommt. Jetzt kann man nachvollziehen, wie sich die Firmen in den alten Bundesländern früher gefühlt haben müssen. Ich selber kann nicht nachvollziehen, wie man sich europaweit die Wurst von anderen Ländern wie den USA oder China vom Teller holen lassen kann.
Wir sind nur ein vergleichbar kleines Land mit 83 Millionen Bürgern und unsere Ressourcen sind auch begrenzt. Noch schlechter ist die Situation zu begreifen, wenn man weiß, dass in 2020 alleine in Deutschland 80 Millionen m3 Bauholz mehr geschlagen wurde als ein Jahr zuvor. Wo ist das ganze Holz geblieben? Man hat das Gefühl, dass jetzt auch das Handwerk vorsätzlich an die Wand gefahren wird. Aus der zweitstärksten Wirtschaftskraft des Landes bleibt danach nicht mehr viel übrig. Dies ist einfach unvorstellbar.“
Helmut Zimmer, St. Wendel

„Die Preisentwicklung einschließlich Lieferengpässen belastet uns schon erheblich, zur Vermeidung von Ausfallzeiten muss die logistische Planung noch sorgfältiger erfolgen. Ich finde es positiv, dass die Medien über dieses Thema berichten. Somit ist der Mehrzahl unserer  Kunden die Situation bekannt. Die Erstellung eines Angebots ist kaum mehr möglich. Angebote werden nur noch freibleibend geschrieben und für Objekte, deren Ausführung erst in den nächsten Monaten geplant ist, gebe ich nur eine Kostenschätzung ab.“
Albert Hintzen, Köln

„Wir wurden schon recht früh mit der Problematik der rasanten Preisentwicklung konfrontiert. Im Zusammenhang mit größeren, über einen längeren Zeitraum laufenden Projekten kann diese tatsächlich über den wirtschaftlichen Erfolg entscheiden. Da der beste Weg oftmals einfach Ehrlichkeit ist, konnten wir schnell mit unserem Kunden eine Lösung finden. Wir haben das gesamte Dämmmaterial eingekauft und eingelagert. Es handelt sich um etwa 500 m3 PUR-Dämmung. Diese wird nun nach Baufortschritt auf die Baustelle geliefert. Das mag sich im ersten Moment etwas umständlich anhören, jedoch ist jedem aus der Branche klar, wie sich der Preis seit Ende Januar entwickelt hat.
In diesem Zuge haben wir auch in gängigen Dimensionen Ware für Dachränder bestellt und eingelagert. Nun können wir, ähnlich einer Aktie, den täglichen „Kursgewinn“ verfolgen. Wichtig ist hier die Anmeldung solcher Materialmengen bei der Versicherung!
Wir bieten nun vor der Angebotserstellung unseren Kunden immer zwei Varianten an: entweder Bestellung bei Beauftragung und Lagerung beim Kunden oder aber Abrechnung nach Tagespreis. Die ist bestimmt keine übliche Methode, jedoch ist auch die Preisentwicklung in dieser Dimension völlig neu. Aktion ist hier wohl einfach besser als Reaktion.“
Alexander Geist, Kirchardt-Berwangen

„Leider sind die Preissteigerungen, welche wir ja nur bedingt an unsere Kunden weitergeben können, nicht das einzige Problem, was wir zurzeit haben. Es kommt momentan leider auch zu einer erhöhten Materialknappheit, welche dafür sorgt, dass wir auf unseren Baustellen nicht weiterkommen. Dies führt fast schon zu mehr Ärger mit dem Kunden als die Preissteigerungen selber. Wie so etwas in einem so hoch industrialisierten und gut organisierten Land passieren kann, ist mir unverständlich.“
Stefan Golißa, Düsseldorf

„Wir freuen uns sehr darüber, dass wir in Pandemiezeiten als kontaktarmes Handwerk im Außenbereich gut gefüllte Auftragsbücher haben. Im Moment droht den Betrieben aber, dass sie ihre Mitarbeiter trotzdem in Kurzarbeit schicken müssen, weil wegen des Materialmangels nicht mehr weitergearbeitet werden kann. Wir sind hier gerade durch höhere Gewalt in einer Zwickmühle. Unsere Kunden und wir selbst wollen, dass die Arbeiten schnellstmöglich und im vereinbarten Kostenrahmen fertig werden, unsere Betriebe brauchen dringend Material, welches wir von Handel und Industrie nur erschwert und nicht zu den normal üblichen Bedingungen erhalten. Wir hoffen alle darauf, dass sich die Situation bessert, können derzeit aber leider nicht von einer kurzfristigen Beruhigung des Markts und Preissenkungen ausgehen.“
Quelle: Nordtstadblogger.de
Dirk Sindermann, Obermeister der Dachdecker-Innung
Dortmund und Lünen

Steigende Preise für EPS-Dämmstoffe belasten die Dachdecker. Foto: DDH

Schnelle Lösung gefordert

Berlins Innungsgeschäftsführer Ruediger Thaler findet deutliche Worte für diese Situation: „Viele Auftraggeber wollen oder können diese drastischen Preissteigerungen nicht mittragen. Auch aufgrund der Lieferengpässe mehren sich die Berichte über Stornierungen und Baustopps. Die Berliner Energiewende sehen wir damit ernsthaft gefährdet. Unsere Dachdeckerbetriebe sind ein wichtiger Garant für die Erfüllung der gesteckten Klimaziele. Wenn umfangreiche Dämmmaßnahmen oder komplette Dachsanierungen wegfallen, hat das direkte Auswirkungen auf den Energieverbrauch und damit auf den CO₂-Ausstoß. Das sind keine guten Nachrichten für den Klimaschutz. Zudem führen Baustopps zwangsläufig zu einer weiteren Verschärfung auf dem Berliner Wohnungsmarkt. Auch die Ziele des Berliner Senats, den Bau von Solaranlagen und die Dachbegrünung stärker voranzutreiben, werden durch diese Entwicklung massiv gefährdet. Hier muss schnell eine Lösung gefunden werden. Klimaschutz und Wohnungsnot gehen uns alle an!“

Weitere Statements gibt es aktuell auch im ZVDH-Podcast unter: https://zvdh-aktuell.podigee.io/

zuletzt editiert am 15.06.2021