Porträt einer Fotografin mit großem Teleobjektiv, stehend auf einem Baugerüst. Die Frau trägt lässige Arbeitskleidung und hält die Kamera selbstbewusst in der Hand; der Hintergrund ist weichgezeichnetes Grün, natürliche Außenbeleuchtung.
Sandra Schumann, wo sie künftig noch öfter sein wird: Oben auf dem Gerüst. (Quelle: Lea Arens)

Porträts 2026-07-22T12:53:01.714Z Schiefer, Schweiß, Sichtbarkeit

Porträt: Sandra Schumann, Fotografin aus Kassel, stellt ab August ihr Leben auf den Kopf: Statt Motive durch die Linse einzufangen, greift sie jetzt selbst zu Hammer und Schieferplatten und beginnt eine Ausbildung als Dachdeckerin.

Die Sonne steht tief, Sandra Schumann balanciert auf dem Dachfirst. Die Kamera in der einen Hand, mit der anderen hält sie sich am Geländer fest. Vor allem im Hochsommer glänzt der Schweiß schon früh auf den Gesichtern der Dachdecker – und Schumann hält diesen Moment fest.

„Ich bin immer auf der Suche nach authentischen Momenten. Vor allem im Handwerk passiert das, was nicht inszeniert werden kann: Leidenschaft, Stolz, Teamgeist“, berichtet die Fotografin.

Ein Handwerker kniet in einem alten Dachstuhl und arbeitet konzentriert an einer Holzkonstruktion. Umgeben von sichtbaren Holzbalken, Werkzeugen und rustikaler Innenarchitektur vermittelt die Aufnahme handwerkliche Restaurations- und Reparaturarbeiten in historischer Bausubstanz.
Foto-Shooting bei Holzbau Bode. (Quelle: Sandra Schumann)

Doch irgendwann reichte ihr das Beobachten und Dokumentieren nicht mehr. Denn je öfter sie auf Baustellen unterwegs war, je mehr sie die Teams bei der Arbeit beobachtete, desto stärker wuchs die Idee: Warum nicht selbst Dachdeckerin werden?

Dachdecker zwischen Ritual und Wandel

Den Anstoß für diesen ungewöhnlichen Sprung gab Joachim Schaumlöffel, Obermeister der Dachdecker-Innung Kassel. Anlass war die 125-Jahr-Feier der Innung, Schumann sollte dafür die Mitarbeiter und Auszubildenden ins rechte Licht stellen: „Nach einer Weile hätte ich am liebsten mitgearbeitet, so faszinierend fand ich die Arbeiten auf dem Dach und in der Werkstatt“, so Schumann.


Seit Jahren schon begleitet sie die Betriebe der Kasseler Dachdecker-Innung. „Die Atmosphäre auf den Baustellen hat mich oft noch tagelang danach begleitet“, betont sie. Nach und nach wuchs ihr Interesse, dann gab sie sich einen Ruck und sprach bei Schaumlöffel die Möglichkeit eines Praktikums an. „Aus einem Tag ,mal schauen‘ wurde eine ganze Woche, und am zweiten Tag war bereits klar, das passt zu mir“, berichtet Schumann. Eine Entscheidung, mit der sie sich lange Zeit gelassen hat – die aber nun gefallen ist.

Schaumlöffels offene und tolerante Persönlichkeit spielten dabei natürlich eine gewisse Rolle: „Joachim ist jemand, der nicht nur Ruhe ausstrahlt, sondern auch Türen öffnet. Seine Unterstützung war ausschlaggebend – denn ohne ihn hätte ich niemals diesen Weg eingeschlagen“, so Schumann.

Zwei Handwerker arbeiten auf einem geneigten Dach und montieren eine Dämmplatte. Einer hält die Platte, der andere befestigt sie mit einem Akku-Bohrschrauber; an der Dachkonstruktion sind Holzlattung und Dämmplatten mit Druckstempeln sichtbar. Beide tragen Arbeitskleidung und Sicherheitsschuhe; Funken bzw. Partikel fliegen beim Bohren. Gesichter sind nicht identifiziert.
Mitarbeiter des Dachdecker-Betriebs Brede in Aktion. (Quelle: Sandra Schumann)

Eines der prägnantesten Aha-Erlebnisse im Praktikum war die Perspektive bei der Arbeit. „Schnell wurde mir klar, dass sich ein Dachdecker immer zwei Fragen stellt: Wo fließt das Wasser hin? Und wo könnte es Feuchtigkeit geben?“

Schumann hat sich während ihres Praktikums schnell in die Welt der Dächer eingelebt. Ihre Aufträge sind für sie immer auch sinnstiftend. „Schiefer hauen, Abdichtungen oder Dämmstoffe für nachhaltige Energieeffizienz einsetzen – mich fasziniert die Präzision: Denn ein kleines Leck kann immense Schäden und Kosten verursachen“, so Schumann.

Zahntechnikerin, Ingenieur-Studium, in der Zeit immer parallel fotografiert, und seit 15 Jahren Fotografin – die 39-Jährige hat schon einiges probiert und keine Berührungsängste in männerdominierten Berufen. Dennoch bleibt die Geschlechtergleichstellung im Handwerk ein Thema, das nicht nur die Branche betrifft, sondern die gesamte Gesellschaft herausfordert. Es dauert einfach immer lang, bestehende Strukturen aufzubrechen. Sandra Schumann hat dazu eine klare Meinung:

Frauen im Handwerk: Durchhaltevermögen und Präzision

„Frauen müssen oft 150 Prozent geben, um ernstgenommen zu werden“, so Schumann. Doch nicht nur die eigene Arbeit sieht sie als Herausforderung. Sie beobachtet, wie sich Frauen, die ins Handwerk gehen, auf Social Media oft mit Vorurteilen auseinandersetzen müssen. Schumann spricht ruhig, wirkt dabei nicht aufbrausend, aber bestimmt: „Es ist absurd – von Kommentaren wie ,Du gehörst nicht auf den Bau’ bis hin zu Unterstellungen, man sei nicht belastbar.“ Dennoch nimmt sie viele Unterstützer wahr, die sich freuen, wenn Frauen ins Handwerk finden.

Dabei zeigen viele Frauen oft mehr Durchhaltevermögen und Präzision als Männer. Gerade die neue Generation im Dachdeckerhandwerk unterstreicht das. So waren am BBZ Mayen in den letzten zehn Jahren auffällig viele Frauen die Prüfungsbesten. „Das Handwerk braucht diese Vielfalt, und wir sollten mutig voranschreiten, um alte Denkmuster aufzubrechen. Ich bin zwar nur rund 50 Kilo schwer, aber ich kann durchaus auch anpacken. Frauen sind oft zäher als man denkt“, lacht Schumann.

Stolz auf die Zunftkleidung

Neben der technischen Arbeit beeindruckt die Fotografin besonders die Zunft und traditionsgeprägte Gemeinschaft der Dachdeckerinnen und Dachdecker, vor allem heutzutage. „Bei meinen Fotos geht es auch um Sichtbarkeit, in diesem Fall, die Vielfältigkeit des Dachdeckerhandwerks zu zeigen. Es ist schön zu sehen, wie viel Stolz die Mitarbeiter mitbringen, wie gerne sie die Zunftkleidung tragen. Gerade für junge Menschen, die auf der Suche nach Orientierung sind, kann das Dachdeckerhandwerk ein Zuhause sein. Das kann und wird zum Beispiel auch keine KI ersetzen“, ergänzt sie. 

Dennoch ist ihr eigener Wechsel ins Handwerk für sie keine Heldengeschichte, sondern ein logischer Schritt. „Das Handwerk öffnet sich, heute sind verschiedene Lebenswege willkommen. Gemischte Teams funktionieren besser, weil unterschiedliche Kompetenzen sich ergänzen.“

Die Kamera bleibt Schumanns Begleiter. Präzise Handgriffe, Stolz nach dem fertigen Dach, Tradition und Werte – sie will zeigen, was das Handwerk ausmacht. Digitalisierung und KI werden das Berufsbild verändern, aber das Dach bleibt ein existenzieller Ort. Durch ihre Ausbildung kann die Fotografin die Lehrzeit auf zwei Jahre verkürzen. Finanziell wird das anspruchsvoll, aber Sandra Schumann ist optimistisch, ab dem 1. August geht es los.

Perspektivenwechsel als Alltagserfahrung

Was als Suche nach dem perfekten Bild begann, wurde zur Suche nach echter Teilhabe. Sandra Schumann schlägt die Brücke zwischen Beobachtung und Aktion und hat sich zwei Ziele gesetzt: Als Dachdeckerin die perfekte technische Arbeit zu leisten und gleichzeitig als Fotografin das Handwerk sichtbar zu machen. „Für viele wirkt das wie eine radikale Veränderung – für mich ist es einfach die Fortsetzung meiner Neugier.“

Hauptmotiv: Handwerker bei der Arbeit. Darstellung einer Instagram-Profilseite mit mehreren Fotos von Handwerksarbeiten in einer Werkstatt: Tischler beim Holzarbeiten, Personen mit Werkzeugen, Baustellenaufnahmen und Porträts. Warmes, natürliches Licht, Fokus auf traditionelle Handwerkskunst, Teamarbeit und handwerkliche Details.
Sandra Schumann auf Instagram: handwerk.in.bildern

Die Kombination aus Dach und Fotografie lässt zumindest schon mal hoffen, dass daraus anregende Projekte entstehen.
Sandra Schumann auf Instragram: handwerk.in.bildern/

zuletzt editiert am 28. Juli 2026
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