Villa Brandenburg, Verfall. (Quelle: DDH)
Verlassene Villa in Brandenburg. Hier liegt es wohl nicht an fehlenden Baustoffen, sondern am Geld für die Sanierung. (Quelle: DDH)

Markt

21. April 2022 | Teilen auf:

Teuer wird bleiben

Preissteigerungen: Seit Wochen schon gibt es nur eine Richtung: Nach oben. Extreme Preissteigerungen bei Dachziegeln, Bitumen und Dämmstoffen belasten Dachdecker. Wir fassen die Gründe und die Folgen zusammen.

Nach den eingeschränkten Lieferkapazitäten schlagen jetzt immer mehr Preissteigerungen durch. Nach Angaben des ZVDH gab es schon zu Jahresbeginn deutliche Preissteigerungen bei Dachmaterialien. „Bis Mai 2022 sind weitere Aufschläge zu erwarten, sodass Dachziegel dann 30 bis 40 % teurer als Ende 2021 sein werden“, sagt Felix Fink, Ökonom, beim ZVDH.
Im Dachdeckerhandwerk beweist sich die Verlässlichkeit des dreistufigen Vertriebswegs. Viele Bedachungsfachhändler hatten bereits zum Jahreswechsel ihre Warenbestände deutlich erhöht, um die Verfügbarkeit für Dachdeckerbetriebe und deren Kunden sicherzustellen. Doch auch sie kommen jetzt an ihre Grenzen. Vor allem müssen sie nahezu täglich ihre Preise ändern.

Preise kennen nur eine Richtung

Die teilweise dramatische Situation bei einigen Dachbaustoffen führt dazu, dass die sonst üblichen Vorankündigungsfristen der Bedachungshändler von 4–8 Wochen nicht mehr gehalten werden können. Und die Preise steigen und steigen. Teilweise gibt es bei einigen Dachbaustoffhändlern sogar zehn Preiserhöhungen pro Tag über alle Hersteller.

Zur aktuellen Preisliste von Janssen:

Preisanpassungen der DEG-Süd:

Die Hersteller begründen die Preissteigerungen mit den zum Teil wegen des Kriegs extrem gestiegenen Energiekosten. Davon sind vor allem Dachziegel betroffen. Teilweise gäbe es schon Annahmestopps bei den Herstellern, sodass der Dachhandel aktuell keine Dachziegel ordern könne. „Sollten die Gaslieferungen über die Pipeline Nordstream 1 komplett eingestellt werden, drohen insbesondere bei Tondachziegeln Produktionsausfälle in nicht abschätzbarem Rahmen“,  fürchtet Björn Augustin, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Dachdecker-Einkaufsgenossenschaft Süd (DE-Süd).

Anne Janssen, Geschäftsführende Gesellschafterin der Janssen/beda Gruppe (Quelle: Janssen)

Anne Janssen, Geschäftsführende Gesellschafterin der Janssen/beda Gruppe: „Soweit ich zurückdenken kann, gab es aus meiner Sicht keine vergleichbaren Zustände. Die anfänglich durch Substitute noch beherrschbare Situation wird immer schwieriger, da nicht nur Rohstoffe fehlen, auch die Lieferketten sind bereits aus dem Gleichgewicht geraten. Die dadurch ausgelöste Materialverknappung wird durch fehlende Lademeter, verbunden mit dem LKW-Fahrermangel, noch zusätzlich verschärft und treibt die Preise der Industrie. Werden diese Probleme nicht gelöst, dann wird der Wiederaufbau in der Ukraine zu einer weiteren Verschärfung führen.“

Die Gründe für die Preise kennt Felix Fink:

Ursachen für die Preissteigerungen:

  • Anhaltend hohe Nachfrage
  • Energiepreis-Verteuerungen, Hauptenergiequelle für das Brennen von Dachziegeln ist Erdgas
  • Höhere Frachtkosten
  • Dieselkraftstoff-Verteuerung
  • Transportkapazitäten bei den Spediteuren sind nicht zu bekommen, da Fahrer aufgrund von Corona-Erkrankungen und des Ukraine-Kriegs fehlen
  • Holzpaletten-Probleme (Holz und Nägel aus Russland fehlen)
  • Schrumpffolien und Umreifungsbänder sind nicht verfügbar

Preisgleitklauseln nicht automatisch für Verbraucherbauverträge

In neu abgeschlossenen Verträgen des Bundes sollen Preisgleitklauseln verbindlich aufgenommen werden. Diese ermöglichen eine nachträgliche Anpassung der im Vertrag fixierten Materialpreise. Damit solche Gleitklauseln auch in privaten Bauverträgen Geltung finden, müssen sie gesondert vereinbart werden. Hinweise und Formulierungshilfen hat der ZVDH erstellt, sie sind abrufbar im internen Mitglieder-Bereich auf dachdecker.de.

Bitumenpreise steigen immer weiter

Ein Teil der Bitumenindustrie hat aktuell größte Sorge, ausreichend Rohbitumen und andere Zuschlagsstoffe zu bekommen, da Russland eines der größten Exportländer ist. Dazu kommen die enorm gestiegenen Kosten für Gas. Der Preis für Bitumen ist in den letzten Wochen um 35 % gestiegen. Das führt dazu, dass Dachdecker große Projekte teilweise verschieben müssen oder zumindest die gestiegenen Preise an die Bauherren weitergeben werden.

Wie kann der Dachdecker angesichts dieser Aussichten solide kalkulieren? Es bleibt wohl kaum etwas anderes übrig, als diese Unwägbarkeiten mit einzurechnen. Es gibt durchaus Baustellen, bei denen Dachdecker bei aktuellen Projekten draufgezahlt haben. „Der Ärger in Bezug auf Preise und Lieferzeiten trifft ja derzeit alle gleich. Die aktuelle Erfahrung zeigt, dass vieles, was abzudecken ist, mit einem sehr hohen Zeitaufwand  verbunden ist. Die Beschaffung und Besorgung von Material nimmt derzeit in der Verwaltung einen immens großen Posten ein. Ich würde einschätzen, dass mein Kalkulator mit Sicherheit das Drei- bis Vierfache an Zeitaufwand für Angebote und Materialbeschaffung hat als bisher“, betont DDM Alexander Geist.


Vorsicht vor Hamsterkäufen

Der gängige Reflex wäre, falls es wieder ausreichend Dachbaustoffe gibt, diese schon mal vorab zu bestellen, damit Dachdecker ein verlässliches Lager haben — der Klopapier-Effekt in den Anfängen von Corona. Vor allem in Zeiten von Negativ-Zinsen eine scheinbar sinnvolle Investition ohne großes Risiko.
Doch dies täuscht, erläutert Felix Fink: "Der Unternehmer kann sich auch ins eigene Fleisch schneiden, wenn Material (heute) teurer eingekauft wird, als es sich (morgen) verkaufen lässt. Für die Bilanzierung gilt in Deutschland das Niederstwertprinzip, sodass für publizitätspflichtige Unternehmen das nicht unwesentliche Risiko eingegangen werden könnte, den Lagerbestand abwerten zu müssen".
Also Vorsicht vor Hamsterkäufen, das Bunkern von Material kann auch nach hinten losgehen.

Den kompletten Beitrag lesen Sie in DDH 07, inklusive Statements der Hersteller.

zuletzt editiert am 12.05.2022