Ulrich Marx, Florian Jentsch und Christoph Schendel im DDH-Interview (Quelle: DDH)

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10. May 2022 | Teilen auf:

Booster für die Sonnendächer

Interview: Seit Mai 2022 gibt es eine Photovoltaik-Pflicht in Baden-Württemberg. Im aktuellen Interview sprechen DDM Christoph Schendel, Geschäftsführer Florian Jentsch, Landesverband Baden-Württemberg, mit ZVDH-Hauptgeschäftsführer Ulrich Marx über die Vor- und Nachteile des Gesetzes.

Im Koalitionsvertrag haben die Regierungsparteien festgehalten, dass künftig alle geneigten Dachflächen für die Sonnenenergie genutzt werden sollen. Bei gewerblichen Neubauten soll dies verpflichtend, bei privaten Neubauten zur Regel werden. Klimaminister Robert Habeck (Grüne) möchte eine solche Solarpflicht für Privatgebäude jedoch in naher Zukunft gesetzlich verankern. Zum jetzigen Zeitpunkt wurde noch keine bundesweite Einführung einer PV-Pflicht beschlossen, allerdings gibt es Bundesländer, wo diese Pflicht bereits gilt. So zum Beispiel in Baden-Württemberg.

Wie beurteilen Sie generell den Ansatz, PV-Anlagen verpflichtend auf Dächern zu installieren?

Christoph Schendel: Wir als baden-württembergische Dachdecker sehen die PV-Pflicht positiv. Ein Dach kann mehr als nur vor Regen schützen. Ob Dachbegrünungen oder Solar: Unsere Dächer können viel, und wir Dachdecker haben die Kompetenz, Energie vom Dach zu liefern, wenn es wirtschaftlich sinnvoll ist. Das ist aber unsere wichtigste Forderung: Dass wir die Dächer im Vorfeld unbürokratisch dahingehend bewerten können, ob eine Solaranlage eine sinnvolle Investition ist oder es Ausnahmen gibt. Also: dass wir uns möglichst einfach absichern können und einen Nachweis über die „Nichtmachbarkeit“ der PV-Installation nachweisen können, wenn eine PV-Anlage wirtschaftlich nicht sinnvoll ist.

Florian Jentsch: Die PV-Pflicht ist gut und wichtig. Klar ist , dass wir die Energiewende nur schaffen können, wenn wir endlich auch im Wohnungsneubau und bei Dachsanierungen stärker auf PV setzen. Dass auf jedes Dach PV kann und muss , sei mal dahingestellt. Das ist zwar der Blickwinkel der Regierung. Um das final beurteilen, sind wir als Dachdeckerhandwerk jedoch stärker gefragt als jemals zuvor. Das Dachschichten-Paket an sich muss vor der PV-Installation zwingend begutachtet werden – und das liegt in unserer Hand.

Ulrich Marx: Grundsätzlich begrüßen wir die PV-Pflicht. Das wird ein Booster für die Energiewende sein. Aber es macht keinen Sinn, PV-Anlagen auf unsanierten Dächern zu installieren. Bei der ersten Solar-Welle wurden riesige Anlagen auf alten Scheunendächern installiert, deren Statik hierfür nicht geeignet war. So kommen wir mit der Klimawende nicht voran. PV-Anlagen auf älteren Dächern ergeben nur in einer Kombination mit einer Dachdämmung Sinn. Nur dann können Dächer Energie erzeugen. Da müssen klare Regeln geschaffen werden.

Hat sich die Nachfrage nach PV-Anlagen nach der Verabschiedung des Gesetzes in BaWü bereits verändert?

Christoph Schendel: Auch vor dem Krieg in der Ukraine war das Bewusstsein bei der Bevölkerung schon da, unabhängige Energie zu bekommen. Nach der Pressemeldung über die PV-Pflicht gab es allerdings schon deutlich mehr Anfragen von Bauherren, die eine PV-Anlage wünschen.

Wir haben viele Wohnungsbaugenossenschaften und viele Hausverwaltungen als Kunden. Da gibt es viele steuerliche Fragen, und es fehlt teilweise an gutem Info-Material für diese Zielgruppe. Mein Rat an die Wohnungsbaugesellschaften ist immer: Vermiete deine Dachflächen, dann hast du kein Problem. Im Idealfall kommen die Besitzer der PV-Anlagen zu mir und schließen einen Wartungsvertrag ab. Dann ist die Mieteinnahme gegen den Vertrag abgeglichen.

Ulrich Marx: Das Beispiel zeigt gut, dass der Dachdecker immer mehr zum Allround-Berater wird. Gerade bei Eigentümergemeinschaften und vermieteten Wohneinheiten ist die Sachlage oft unklar. Wer zahlt was? Wie sieht es mit dem Brandschutz aus? Hier gibt es viele offene Fragen der Auftraggeber, bei denen wir als Dachdecker mit unserer Beratungskompetenz in Sachen PV punkten können. Aber es gibt durchaus auch noch Klärungsbedarf mit dem Gesetzgeber. Hier arbeiten wir als Berufsorganisation dran.

Machen sich Materialengpässe und Preisanstiege auch bei PV-Anlagen bereits bemerkbar?

Christoph Schendel: Die Solaranlage, die wir kürzlich erst verbaut haben, wurde von uns im Oktober 2021 bestellt – das sagt eigentlich alles. Dabei liegt es nicht am Dachhandel, sondern die Speicher oder Wechselrichter liegen auf Containern im Hafen und kommen einfach nicht zu uns (siehe auch DDH 02/2022). Die Frage ist doch: Wie gehen wir in dieser Zeit mit den Gerüstkosten um? Ohne Gerüst kann ich nicht genau projektieren. Früher gab es bei PV-Modulen eine Lieferzeit von zwei Wochen, heute sind das schon mal 14 Monate. Selbst der Energieträger benötigt mittlerweile fast drei Monate für die Anmeldung. Das ist für uns als Dachdecker extrem belastend. Ich würde mir generell wünschen, dass Deutschland hier wieder stärker als Produktionsland in Erscheinung tritt, damit wir uns von solchen Abhängigkeiten befreien.

Herr Marx, der ZVDH hatte im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem Bundesverband der Ziegelindustrie eine Studie in Auftrag gegeben. Dabei ging es um die Hebelwirkung gezielter Förderungen von PV-Anlagen in Kombination mit energetischen Sanierungen. Können Sie das Ergebnis dieser Studie kurz erläutern?

Ulrich Marx: Wenn man eine Forderung in Richtung der Politik stellt, muss man sie auch belegen können. Deshalb haben wir mit dem Forschungsinstitut für Wärmeschutz (FIW) in München und dem Verband der Ziegelindustrie eine gemeinsame Studie in Auftrag gegeben, die die Sanierungsquote in Deutschland untersucht. Ziel war es, bei einer Sanierungsquote von rund 2 %, das Einsparpotenzial in Sachen Photovoltaik zu errechnen. Das Ergebnis war: Bis 2050 können 105 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalent eingespart werden. Das geht aber nur dann, wenn man die Förderung erhöht. Unsere Forderung ist: Neben den bestehenden 20 % Förderung für die Dämmung der Gebäudehülle zusätzlich 25 % Förderung für die Solaranlagen.

Christoph Schendel: Ich wünsche mir, dass der Gesetzgeber uns mehr Flexibilität gibt. Dazu kommt: Das ganze Antragswesen mit den umfangreichen Formularen im PDF-Format ist extrem umfangreich und kompliziert. Wir haben keine Angst vor mehr Arbeit. Aber wir haben Angst vor mehr Papier.

Florian Jentsch: Aktuell gibt es Gespräche über einen gemeinsamen digitalen PV-Konfigurator. Die Realisierung eines solchen Tools wäre schon ein Fortschritt, der unseren Betrieben die Arbeit erleichtern könnte. Wir arbeiten intensiv daran, dass wir weitere Dienstleistungen für die Dachdecker anbieten, um die Planung im Vorfeld zu vereinfachen.

Das ausführliche Interview lesen Sie in DDH 07.2022.

zuletzt editiert am 12.05.2022