Ochtendung: 120 Teilnehmer im Saal und weitere 120 online – vor Ort und am Rechner informierten sich die Sachverständigen über die Schwerpunkte Solar und Retention. Die Ergebnisse fließen auch in den neuen ZVDH-Bereich Forschung und Wissenschaft ein, vom dem die Dachdecker profitieren
werden.
Zur Beginn der Sachverständigen-Tagung sprach Moderator Michael Zimmermann, Vizepräsident des ZVDH, über die Umstrukturierung der Technik-Abteilung mit der Schaffung einer zusätzlichen Abteilung Forschung und Wissenschaft. Gemeinsam mit deren Bereichsleiter Jan Redecker, Geschäftsführer Fachtechnik ZVDH, stellte er zugleich die neue technische Referentin, Dachdeckermeisterin Sara Heise, vor.
Demokratien im Stresstest
Am Tag der Wahl in Amerika erschien Wolfgang Bosbachs kritischer Blick auf die großpolitische Lage aktueller denn je: „Gegenseitiges Nachgeben ist Voraussetzung für eine Einigung.“ Dann beschäftigte er sich mit der deutschen: „Der Wohlstand in unserem Land fußt auf dem Fleiß der Unternehmer. Wir brauchen stabile politische Verhältnisse, weil wir vor großen Herausforderungen stehen", mahnte Bosbach. Er prophezeite, dass sich die Probleme bei einem Regierungswechsel nicht in Luft auflösen. Dennoch sieht der Politiker unsere Situation positiv: „Uns geht es immer noch besser als den meisten Menschen auf dieser Erde. Das sollten wir vor Augen halten und daran arbeiten, dass es so bleibt.“
Wohin mit dem Wasser
Thomas Sandner gab Übersicht zu Vorgaben bezüglich der DC-seitigen Montage von Solaranlagen und zählte die Vielzahl zu beachtender Regelwerke und Normen auf. Sandner: „Das Erste, was ich mir anschaue, ist der Standsicherheitsnachweis.“ Zur Vorsicht riet der Elektrotechniker bei angeblicher Kompatibilität von verschiedenen Steckern, das ist nicht zulässig. Auch dürfen sie nicht auf der Fläche liegen. Die Drähte müssen fachgerecht vercrimpt und eine elektrisch sichere Verbindung für Potenzialausgleich gewährleistet sein. „Achten Sie darauf, nur geprüfte Systeme mit bauaufsichtlicher Zulassung zu montieren“, so Sandners Rat.
Planer, Hersteller und Ausführende stehen in der Anfangsphase der Retention, unterstrich Rainer Pieper. Es gibt noch keine Norm, die die Berechnung regelt. Pieper stellte ein vereinfachtes Berechnungsprogramm vor, riet bei komplizierten und großen Dachflächen aber, besser Hersteller um Unterstützung zu bitten. Ein hundertprozentiger Regenrückhalt wird nie möglich sein bei den heutigen Niederschlagsspitzen, im urbanen Bereich ist Retention aber der richtige Weg, erklärte Pieper. Andere Bauvorhaben müssten fallabhängig bewertet werden.
Jan Redecker und Michael Zimmermann griffen das Thema auf und beleuchteten es aus Sicht des Dachdeckerhandwerks. Als größte Schwierigkeit bei der Umsetzung bewerteten die Dachdeckermeister die Standsicherheit. Ein Statiker ist vor der Ausführung zwingend hinzuziehen – ein Retentions-Gründach wiegt 110 – 270 kg/m². Sie erläuterten den Diskussionsstand in den Fachausschüssen Abdichtung und Entwässerung. Zurzeit ist es noch zu früh für ein Regelwerk, aber der ZVDH möchte in Zusammenarbeit mit der Industrie ein Infoblatt veröffentlichen. Eine Online-Abstimmung unter den Teilnehmern ergab, dass sich die meisten für die Erstellung eines Merkblatts aussprechen – und zwar zeitnah, da in manchen Städten Neubauten schon mit Retentionsdächern auszuführen sind. Mit dem Hinweis auf ein Merkblatt vom VDD forderte Zimmermann: „Wir brauchen gute Planung und gute Materialqualität“.
Dipl.-Ing. Martin Giebeler hob die Konsequenzen bei Mangelhaftigkeit der Luftdichtheit hervor. Als ideal bezeichnete er eine außen laufende Dämm- und Dichtebene. Anhand von Beispielen aus seiner Praxis zeigte er die Problematik der korrekten Detailausführung. Damit Luftdichtheitsebenen gelingen, braucht es eine Fachplanung: „Klären Sie, wer plant, und machen Sie eine Detailplanung bei jeder Nicht-Standard-Bauweise, denn die Hälfte der Gebäude fällt nach energetischer Sanierung beim Blower-Door-Test durch!“
Kipppunkt erreichen
Rebecca Freitag machte mit einem Quiz über die derzeitige Weltlage deutlich: Sie wird negativer wahrgenommen, als sie ist. Obwohl es uns in Deutschland besser geht als den meisten, haben wir einen Negativitätsschleier. Das, was uns wirklich voranbringt, ist Zuversicht in Verbindung mit Machbarem. Freitag: „Warum sind wir in Bezug auf Nachhaltigkeit so desinteressiert? Nachhaltigkeit ist schön, gesund, und sie bringt neue Geschäftsmodelle. Wir brauchen mehr Weitblick für die Zukunft und Mutige, die vorgehen, um anzustecken.“
Neue Abteilung Forschung und Wissenschaft des ZVDH
Bernd Redecker, Jan Redecker und Michael Zimmermann würdigten die ehrenamtliche Ausschussarbeit. Mit der Vorstellung der Vorsitzenden und der Agenda stellte Bernd Redecker die Fachausschüsse vor und zeigte, welche Aufgaben diese sich in naher Zukunft vorgenommen haben. Neben den jeweiligen fachspezifischen Themen werden generelle Überlegungen zum Erscheinungsbild der Fachregel angestrengt. Michael Zimmermann wies nochmals auf die neue Abteilung Forschung und Wissenschaft des ZVDH hin und erklärte: „Wegen des riesigen Potenzials der Altbausanierung geht es den Dachdeckern so gut. Dazu haben wir noch die Photovoltaik und Dachbegrünung. Diese Synergie ist die Zukunft.“
Die Tradition, also die anerkannten Regeln der Technik, und deren vermeintlicher Gegenspieler Innovation bringen im Zusammenspiel neue Lösungen für den Dachdecker, ergänzte Jan Redecker. Als Beispiele nannte er Retention, Monitoring oder Indachanlagen. Der neue Bereich Forschung und Wissenschaft steht für die Förderung dieser Innovationen, die Kooperation mit der Wissenschaft, die Einbindung der Industrie und bildet die Schnittstelle zur Fachausschuss-Arbeit. Erneut bat Redecker um Rückmeldungen aus der Sachverständigen-Tätigkeit, da diese wichtig sind, um den Dachdeckern den Rücken zu stärken.
Fehler beim Verlegen von Sandwich-Profilen
Dipl.-Ing. Jürgen Krämer machte deutlich, welche Fehler Dachdecker beim Verlegen von Sandwich-Profilen machen können. „Leider gibt es den Ausbildungsberuf des Metallleichtbauers nicht. Sie können sich daher nur in dieser Richtung weiterbilden“, bedauerte der Ingenieur. Der Internationale Verband für den Metallleichtbau erstellt IFBS-Fachregeln des Metallleichtbaus. Den Fact-Sheets ist zu entnehmen, wie die Dach- und Wandelemente verlegt und gepflegt werden müssen. „Unterkonstruktionen und Dachelemente müssen eine Zulassung für die Montage von Aufbauten haben.“
Dr. Mark Seibel und Dachdeckermeister Wolfgang Vierling hatten sich auf der letzten Tagung zum Zwiegespräch verabredet. Sie unterzogen die Empfehlungen des letzten Baugerichtstages im Mai 2023 ( https://baugerichtstag.de/ ) der Betrachtung des Sachverständigen und des Juristen. Die Empfehlungen – das Gremium mit etwa 700 Teilnehmern tagt alle zwei Jahre – sind keine vorgeschriebenen Verhaltensweisen. Es wird unter anderem gefordert, die Erarbeitungsprozesse technischer Regeln transparent zu machen und dass Sachverständige darlegen, ob und wie eine technische Regel im Einzelfall Verwendung finden soll. Seibel: „Wer kann garantieren, dass eine Bauausführung dauerhaft für die vorgesehene Verwendung funktioniert? Sie!“
Madaster, die digitale Plattform zur Erstellung von Materialpässen
Sabine Rau-Oberhuber startete ihren Vortrag mit einem Zitat von Kenneth E. Boulding: „Jeder, der an unbegrenztes Wachstum von irgendetwas Physischem auf einem physisch endlichen Planeten glaubt, ist entweder verrückt oder Ökonom.“ Kreislaufwirtschaft ist ein ökologisches Thema und wichtig in Hinblick auf die Erhaltung der Lebensqualität. Die Politik muss Hersteller verantwortlich für die Lebensdauer ihrer Erzeugnisse machen. Sie stellte „ Madaster “ vor, eine digitale Plattform zur Erstellung von Materialpässen zur Maximalisierung der Wiederverwendung. Das Tool kann Rohstoffrestwerte ausrechnen und eine Zirkularitätsbewertung sowie Umweltanalysen erstellen. Somit kann es zu geringeren Finanzierungs- und Versicherungskosten beitragen. In München werden bereits Materialpässe für öffentliche Gebäude gefordert. „Zeigen Sie Mut für Veränderungen, Denken in Generationen“, war Oberhubers Appell zum Ende der Tagung.
