Ausbilder Tobias Hauptmann mit der künftigen Dachdeckerin Roxana Krolak. (Quelle: Hauptmann)

Ausbildung 2026-10-05T13:27:21.063Z Ausbilder mit nachhaltigem Blick

Ausbildung: Vor 46 Jahren begann Tobias Hauptmann seine Dachdecker-Lehre – seit 30 Jahren ist er Ausbilder in Baden-Württemberg. Dabei ist ihm vor allem eines wichtig: den Dachdeckerinnen und Dachdeckern von morgen die richtigen Werte für eine nachhaltige Zukunft des Dachdeckerhandwerks zu vermitteln.

Wie sind Sie zur Position des Ausbilders an einer Fachschule für das Dachdeckerhandwerk gekommen?

Tobias Hauptmann: „Das war eigentlich ganz zufällig. Unser ehemaliger Ausbildungsleiter Cornelius Gradner rief mich vor Jahren an mit der Frage: „Hast du nicht Lust, hier mit durchzustarten? Wir suchen einen neuen Ausbilder.“ Ich habe dann kurz überlegt und gedacht: Ja, was Besseres kann mir eigentlich gar nicht passieren. Denn als Bauleiter hatte ich zu dem Zeitpunkt zu wenig Support und zu wenig Zeit für meine Kinder. Es war also eine leichte Entscheidung für mich – und das habe ich auch nie bereut.
Von manchen älteren Kollegen hört man oft Frust über die heutige Jugend heraus. Das kann ich nicht teilen. Ich bin da fast immer positiv gestimmt. Aktuell leite ich gerade wieder einen Lehrlingskurs, der wirklich tipptopp funktioniert, in dem die Jungs und drei Mädchen motiviert sind und mir überhaupt keinen Ärger bereiten. Also gehe ich morgens gerne zur Arbeit und freue mich – wer kann das schon von sich sagen“.

Welche grundlegenden Fähigkeiten und Werte versuchen Sie den angehenden Dachdeckern zu vermitteln, die über die Technik hinausgehen?

Hauptmann: „Für mich persönlich sind Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit sehr wichtig. Und das versuche ich dann auch zu vermitteln. Auch gesellschaftliche und politische Werte liegen mir am Herzen.
Leider musste ich in den letzten paar Jahren immer wieder feststellen, dass einige von den jungen Leuten – gerade jungen Männern – politisch in eine Richtung beeinflusst sind, die unserem Gewerk überhaupt nicht zuträglich ist.
Wir Dachdecker sind die Sanierer, wir sind die Klimaschützer. Und dann kann es nicht sein, dass man sich für eine Partei interessiert, die das alles negiert oder sogar infrage stellt. Wenn irgendwann mal die ganzen Fördergelder gestoppt werden, dann hat natürlich der Dachdecker auch weniger Arbeit.
Früher waren das meist nur Einzelne, die so extreme Ansichten geäußert haben, leider werden es immer mehr. Natürlich halte ich mich politisch zurück und betreibe keine Meinungsbeeinflussung, aber ich sage meinen Auszubildenden schon, dass sie da mal ein bisschen weiterdenken sollten“.

Wie hat sich das Dachdeckerhandwerk durch technische Neuerungen und nachhaltige Bauweisen verändert, und wie integrieren Sie diese Trends in den Ausbildungsalltag?

Hauptmann: Da hat sich schon einiges getan – vor allem in Sachen Digitalisierung. Bei uns im Meisterkurs arbeiten wir zum Beispiel mit unserer eigenen Drohne. Wir erklären, wie man diese richtig einsetzt.
Auch Gründächer haben wir schon lange in die Ausbildung integriert. Mit Unterstützung eines Herstellers von Gründachsystemen haben wir gemeinsam Modelle gebaut. Wir haben mit Pflanzen, Totholz, Steinen und Wasserstellen ein Biodiversitätsdach erstellt. Das hat den Jungs und Mädels wirklich Spaß gemacht. Mittlerweile ist das ein fester Bestandteil unseres weiterführenden Abdichtungskurses, dem D6-Kurs.
Zudem haben wir vor Kurzem auch den „E-Kurs“ ins Leben gerufen. Hier bauen unsere Lehrlinge verschiedene PV-Systeme auf Steil- oder Flachdachmodelle und lernen von einem Elektroingenieur die Grundlagen der Elektrizität.

Was motiviert junge Menschen heute noch, einen handwerklichen Beruf wie Dachdecker zu wählen, und was tun Sie, um sie langfristig für den Beruf zu begeistern?

Hauptmann: „Generell stelle ich fest, dass immer mehr Leute dabei sind, die ein Studium angefangen oder ein fertiges Studium in der Tasche haben und dann das Dachdeckerhandwerk lernen wollen. Unser bestes Beispiel ist unsere Landessiegerin vom letzten Jahr, die genau diesen Weg beschritten hat. Das war eine tolle Sache. Die jungen Menschen wollen etwas mit den Händen machen und nicht den ganzen Tag irgendwo in einem Büro sitzen. Viele haben einfach Spaß an dem abwechslungsreichen Beruf, daran, dass sie draußen sind und dass sie mehr Freiheiten über den Tag haben“.

Wenn Sie jeden Ihrer Schüler mit einer „Superkraft“ für den Beruf ausstatten könnten – welche wäre das, und warum?

Hauptmann: Intelligenz. „Es ist erschreckend, dass ich seit 30 Jahren für dichte Flachdächer kämpfe. Und ich stoße immer wieder auf das Argument: „Ach, so macht das ja draußen kein Mensch. Wir machen das schon immer so, und das ist gut genug. Und da muss ich halt leider sagen: Da fehlt Intelligenz. Denn was steckt dahinter? Da stecken einerseits die Fachregeln des Dachdeckerhandwerks dahinter und andererseits viel Hirnschmalz von den Herstellern, die sich eine Verlegeanleitung ausgedacht haben. Und wenn ein Ungelernter mit Halbwissen noch behauptet, dass das ganz anders ja auch funktioniert, dann ist das einfach nicht besonders schlau“

Welcher Moment oder welches Projekt in Ihrem Ausbildungsalltag hat Sie zuletzt besonders inspiriert und bestätigt, dass Sie den richtigen Beruf gewählt haben?

Hauptmann: „Dachbegrünung ist mir natürlich sehr wichtig, weil das wirklich eine gute Sache ist und mehr Aufmerksamkeit verdient. Aber was mir so richtig am Herzen liegt, ist eigentlich die Ausbildung bei den Meisterschülern im Bereich Schiefer. Das ist mein eigentliches Steckenpferd. Bereits vor 46 Jahren, als ich meine Lehre begonnen habe, habe ich am ersten Tag schon auf dem Schieferdach gesessen und gemerkt: Das ist mein Material. Das habe ich seither nicht mehr abgelegt. Heute bin ich sehr happy darüber, dass ich die Meisterschüler, die sich in unserem Kurs für den Bereich Schiefer entscheiden, coachen und zur Prüfung führen kann“.

zuletzt editiert am 05. Oktober 2026
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