Wo ist das Vordach? Fotos: Herbert Gärtner
Wo ist das Vordach? Fotos: Herbert Gärtner

Steildach

01. February 2021 | Teilen auf:

Der Winter und seine Lasten

Wann ist ein Dach von der Schneelast zu räumen? Wie müssen sich Hausbesitzer verhalten? Wichtig bei der Berechnung: Nicht die Schneehöhe, sondern das Schneegewicht ist maßgebend. Wir liefern die Fakten für Dachdecker und Bauherren.

Durch den aktuellen Schneefall in Verbindung mit zwischenzeitlichem Blitzeis, die somit gefrierenden Flächen und den darauf wiederum folgenden Schneefall sind insbesondere bei Flachdächern hohe Gewichte vorhanden. Diese beeinträchtigen möglicherweise die Standfestigkeit der Gebäude. In vielen Bundesländern wurden ganze Hallen gesperrt und ihre Dächer von Schnee geräumt. Folgende Parameter sollten von allen Immobilienbesitzern und -betreibern beachtet werden: Die Schneelast, die beim Standsicherheitsnachweis für ein Gebäude angesetzt wird, ist in einer Norm geregelt – DIN EN 1991-Eurocode 1 Einwirkungen auf Tragwerke,– Verkehrslast, Schneelast und Eislast.

Hier wird in kN/m² angegeben, wie viel Schnee für das entsprechende Bauwerk berechnet wurde. Die entsprechende Norm bezeichnet die berechnete Schneelast als zulässige Schneelast für ein Gebäude, die nicht überschritten werden soll. Nach der Norm kann für jeden Standort eines Gebäudes in Abhängigkeit von der Schneelastzone und der Geländehöhe die entsprechende Belastung ermittelt werden. Hierbei werden auch Dachneigung und Dachform berücksichtigt. Eine zulässige Schneelast von zum Beispiel 1 kN/m² bedeutet, dass 100 kg Schnee bezogen auf 1 m² Grundrissfläche des Daches (also die waagerechte Projektion betrachtet) zulässig sind.

Wo ist die zulässige Schneelast zu erfahren?

Aus dem Standsicherheitsnachweis für das Gebäude kann entnommen -werden, wie hoch die zum Zeitpunkt der Herstellung des Gebäudes bemessene Dachlast berücksichtigt wurde. Es können auch Auskünfte bei den zuständigen unteren Bauaufsichtsbehörden (zum Beispiel Landratsamt oder kreisfreie Stadt) eingeholt werden. Ein örtliches Ingenieurbüro, das sich mit Statik beschäftigt, kann ebenfalls konkrete Auskünfte erteilen oder Berechnungen erstellen.

Bei Schneeräumarbeiten muss besonders auf verdeckte Durchdringungen geachtet werden (rechts im Bild).

Nicht die Schneehöhe, sondern das Schneegewicht ist maßgebend.

Pulverschnee ist leichter als Nassschnee und Nassschnee ist leichter als Eis. Die Höhe ist demzufolge also eher unbedeutend, die Zusammensetzung des Schnees in verschiedenen Zustandsformen ist wesentlich relevanter. Beispiele:10 cm frisch gefallener Pulverschnee wiegen etwa 10 kg/m²10 cm Nassschnee könnenbis zu 40 kg/m² wiegeneine 10 cm dicke Eisschicht wiegt bis zu 90 kg/m² und ist damit fast so schwer wie 10 cm hoch stehendes Wasser (circa 100 kg/m²).

Wenn also zunächst Schnee fällt, dieser dann zum Teil auf Flachdächern gefriert und eine dicke Eisschicht bildet und dann wiederum Schnee fällt, ist ein konkreter Nachweis des Schneegewichts nicht so einfach. Gerade dann besteht ein erhöhtes Gefährdungspotenzial. Wann kann sich bei einer Schneeauflage auf dem Dach Eis bilden? Zum Beispiel kann es zu einer Eisbildung kommen, wenn das Dach nicht ausreichend gedämmt ist oder wenn bestimmte thermische und klimatische Bedingungen gegeben sind.

Wann kann sich bei einer Schneeauflage auf dem Dach Eis bilden?

Zum Beispiel kann es zu einer Eisbildung kommen, wenn das Dach nicht ausreichend gedämmt ist oder wenn bestimmte thermische und klimatische Bedingungen gegeben sind, zum Beispiel häufiger Frost-Tau-Wechsel. Auch eine nicht funktionierende Entwässerung, möglicherweise in Ermangelung einer Notentwässerung, führt dazu, dass Schmelz- und Regenwasser nicht ausreichend schnell abfließen können und sich so Wassersäcke bilden, die zusätzliches Gewicht auf dem Dach ermöglichen.

Wie kann das tatsächliche Schneegewicht bestimmt werden?

Zur Ermittlung der Schneelast auf dem Dach ist das tatsächliche Schneegewicht zu bestimmen. Zur Vermeidung von Unfällen ist auf die Sicherung der Person zu achten, die die Messung auf dem Dach vornimmt. Eine mögliche Messmethode ist im Folgenden erläutert. Die Messstelle sollte so gewählt werden, dass die Messung für die Ermittlung des Schneegewichtes auf dem Dach möglichst repräsentativ ist. Mit einer Ausstechvorrichtung, zum Beispiel einem Kunststoff- oder einem Metallrohr, wird auf dem Dach senkrecht zur Dachfläche ein Bohrkern über die gesamte Schneehöhe gegebenenfalls einschließlich Eisschicht von Oberkante Schnee bis Oberkante Dach entnommen. Eventuell muss der Schnee in der Ausstechvorrichtung beim Ziehen gegen Herausrutschen durch ein eingeschobenes Blech gesichert werden. Dann wird der Schnee (ohne Ausstechvorrichtung) gewogen. Das Schneegewicht in kg/m² errechnet sich wie folgt:

Schneegewicht [kg] Öffnungsfläche der Ausstechvorrichtung [m²]

Lässt sich die Eisschicht nicht durchstechen und mit dem Bohrkern ziehen, kann die Höhe der Eisschicht in Zentimetern gemessen und das Eisgewicht abgeschätzt werden. Es muss dann zu dem Schnee­gewicht pro m² hinzugerechnet werden. Für eine 1 cm dicke Eisschicht kann dabei ein Eisgewicht von circa 9 kg/m² angesetzt werden. Bei einem Flachdach kann die ermittelte Schneelast unmittelbar mit der zulässigen Schneelast im Standsicherheitsnachweis verglichen werden, da diese zulässige Schneelast auf die Waagerechte bezogen ist. Bei geneigten Dächern muss die ermittelte Schneelast für den Vergleich mit der zulässigen Schneelast entsprechend dem Neigungswinkel des Daches umgerechnet werden. Dazu muss die ermittelte Schneelast in Abhängigkeit von der Dachneigung mit einem Korrekturfaktor multipliziert werden, der aus nebenstehender Tabelle entnommen werden kann. Zwischenwerte dürfen näherungsweise linear interpoliert oder es kann zur Berechnung der nächsthöhere Tabellenwert angesetzt werden. Falls Zweifel bestehen, ob das Schneegewicht oder die errechnete Schneelast richtig ermittelt ist, sollte ein Statiker bzw. Ingenieurbüro eingeschaltet werden.

Wann soll das Dach vom Schnee geräumt werden?

Spätestens wenn die zulässige Schneelast erreicht ist, soll das Dach vom Schnee geräumt werden. Die Wetterdienste warnen über Rundfunk, Fernsehen, Internet und Presse vor starken Schneefällen und -verwehungen. Bei solchen Wetterwarnungen sollte man sich Gedanken machen, ob man das Dach vorsorglich von Altschnee befreit oder ob das Dach mit dem vorhandenen Altschnee noch in der Lage ist, den angekündigten Schneezuwachs schadlos aufzunehmen. Wenn man selbst nicht in der Lage ist, den Schnee vom Dach zu räumen, ist anzuraten, ein entsprechendes Dachdeckerunternehmen zu beauftragen, die örtliche Dachdeckerinnung hilft hier weiter.

Worauf ist zu achten, wenn das Dach zum Schneeräumen betreten wird?

Das Dach muss beim Betreten bei der vorhandenen Schneebelastung standsicher sein. Dabei ist zu prüfen, ob die Dachdeckung für ein Betreten geeignet ist. In Zweifelsfällen sollte vor dem Schnee­räumen ein Fachmann eingeschaltet ­werden, der beurteilen kann, ob ein gefahrloses Betreten möglich ist. Der Zustand der Abdichtung sollte bekannt sein, um beim Begehen oder Bearbeiten keine zusätzlichen Risiken durch Dachbeschädigung einzugehen. Bei der Räumung des Daches ist die Statik des Dachtragwerks zu beachten. Zum Beispiel kann es Stabilitätsprobleme geben, wenn das Dach bei zu hohen Schneelasten zunächst komplett auf der einen Seite geräumt wird, bevor auf der anderen Seite mit dem Abtragen des Schnees begonnen wird. In der Regel empfiehlt es sich, das Dach auf beiden Seiten möglichst gleichmäßig zu entlasten und den Schnee abschnittsweise und dabei jeweils abwechselnd auf der einen und der anderen Dachseite abzutragen. Eventuell kann auch hier ein Fachmann weiterhelfen. Um Unfälle zu verhindern, müssen Personen bei der Räumung des Daches gesichert werden.

Besonderes Augenmerk ist wegen der Absturzgefahr auch darauf zu legen, dass vom Schnee und Eis überdeckte Dacheinbauten, zum Beispiel Lichtkuppeln oder Dachflächenfenster, nicht betreten werden. Beim Betreten des Daches ist größte Sorgfalt und Vorsicht geboten. Die Belastungsgrenze des Daches ist eventuell schon erreicht. Somit stellt das Betreten der Dachfläche durch Personen eine zusätzliche Punktbelastung und damit ein zusätzliches Risiko dar. Eventuell sind lastverteilende Maßnahmen ausreichend, sicher ist jedoch die Probeentnahme von außerhalb des Daches, extra von einem Gerüstturm.

Wann soll das Dach von einem Fachmann überprüft werden?

Nach dem Winter mit hohen Schnee­lasten und langer Verweilzeit des Schnees auf dem Dach empfiehlt es sich, den Zustand des Dachtragwerks von einem Fachmann überprüfen zu lassen. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Dachkonstruktion bereits erkennbare Schäden wie Verformungen, Risse und lockere Verbindungen aufweist.

Fazit: Kontrolle vor Winterbeginn

Vor dem Winter ist es ratsam, den Zu­stand des Dachtragwerks zu kontrollieren und erforderliche Wartungsarbeiten, zum Beispiel Überprüfen der Funktionstüchtigkeit und eventuell Reinigen der Dachentwässerungseinrichtungen, Kontrolle der Schneefangeinrichtungen, durchzuführen. Auch sind weitere Vorsichtsmaßnahmen anzuraten, wie eine Begehung der Dächer und eine Bestandsaufnahme vor dem Schneefall, sodass früh genug reagiert werden kann. Hierzu ist es auch hilfreich, eine eventuell nicht vorhandene Notentwässerung nach den neuesten, heute gültigen Normen nachträglich herzustellen. Rechtlich betrachtet hat jeder Hauseigentümer eine sogenannte Verkehrssicherheitspflicht und ist demzufolge verantwortlich für sein Gebäude.

Herbert Gärtner

Schneearten, Quelle: Wikipedia

Schneeart Massepro m3 Schneehöhe bei 100 kg/m2
Trockener, lockerer Neuschnee 30–50 kg ca. 200–300 cm
Gebundener Neuschnee 50–100 kg ca. 100–200 cm
Stark gebundener Neuschnee 100–200 kg ca.50–100 cm
Trockener Altschnee 200–400 kg ca.25–50 cm
Feuchtnasser Altschnee 300–500 kg ca.20–35 cm
Eis 800–900 kg ca.11–12 cm