Eine junge Dachdeckermeisterin in traditioneller Kluft hält stolz ein rundes, schwarzes Firmenschild mit ihrem Namen und dem Schriftzug "Dachdeckermeisterin" in die Kamera. Im Hintergrund ist eine grüne Gartenlandschaft zu sehen.
Elena Rentzsch mit ihrer Urkunde (Quelle: Rentzsch)

Porträts 2026-08-19T07:48:20.580Z Bachelor, Balance, Baustelle 

Porträt: Mit gerade einmal 23 Jahren ist Elena Rentzsch Impulsgeberin und Innovationsmotor eines Duisburger Traditionsbetriebs. Bald steht sie auf der Zielgeraden ihres Bachelorstudiums. Sie freut sich immer noch, wenn es heißt: ,,Das Dach hat unsere Dachdeckermeisterin gedeckt.“

Mit 23 Jahren hat Elena Rentzsch mehr Fachkompetenz und Führungserfahrung vorzuweisen als einige ihrer Kollegen mit doppelten Berufsjahren. Sie ist Gesellin, Dachdeckermeisterin und bald auf der Zielgeraden ihres Bachelorstudiums „Handwerksmanagement“ an der Hochschule Niederrhein. Wie schafft man das? Direkt nach dem Abitur begann sie ein triales Studium. Nach der erfolgreichen Ausbildung (2024) arbeitete sie ein halbes Jahr im elterlichen Dachdeckerbetrieb, besuchte dann die Meisterschule (Abschluss: 2025) und befindet sich nun in den letzten Zügen ihres Studiums.

Dabei war der nahtlose Übergang vom Klassenzimmer aufs Dach keineswegs selbstverständlich: „Anfangs waren meine Eltern eher zurückhaltend, ob das für mich als Frau wirklich der richtige, harte Weg ist. Sie kannten die Belastungen. So eine Selbstständigkeit ist natürlich auch nicht ohne“, sagt Rentzsch. „Aber ich wollte das und habe mich durchgesetzt. Und heute sind die beiden natürlich sehr stolz auf mich.“ Die junge Meisterin wirkt entspannt, doch westfälische Sturheit war bei ihr sicherlich auch ein Schlüssel zum Erfolg.

Ein Zimmermann und eine Zimmerin in traditioneller Kluft und mit Sicherheitsgurten stehen auf der Spitze eines Kirchturms direkt neben dem Turmkreuz, mit einem weiten Blick über die Landschaft im Hintergrund.
Immer obenauf: DDM Elena Rentzsch mit Vater DDM Frank Rentzsch (Quelle: Rentzsch)

Generationswechsel mit Stolpersteinen

Der Einstieg in den Familienbetrieb – mittlerweile in dritter Generation – war von Reibungen geprägt. Und die kamen nicht vom Vater. Als Rentzsch klarstellte, dass sie in die Meisterschule gehe und Verantwortung übernehmen wolle, kündigten zwei Altgesellen, mit denen sie sich während der Ausbildung bestens verstanden hatte. Der Grund: Sie konnten sich nicht vorstellen, von einer jungen Frau Anweisungen zu bekommen– dabei hatten sie sich während der Ausbildung bestens verstanden. „Ich war erst irritiert, weil ich gar nicht autoritär auftreten wollte und das auch gar nicht bin“, blickt sie zurück.

Für die Meisterin bedeutete das einen doppelten Lernprozess: Sie musste eigene Führungsqualitäten entwickeln und gleichzeitig Verständnis für eingefahrene Strukturen aufbringen.

Im täglichen Geschäft sieht sie sich als Vermittlerin: Sie baut Brücken zwischen klassischer Handwerkstradition und moderner Technik, bringt neue Lösungen ein, schult selbst und steht als Ansprechpartnerin für Azubis bereit – und das auch mal in der Rolle der „großen Schwester“ oder „Kummerkasten-Betreuerin“. 

Der persönliche Draht zu den Auszubildenden ist ihr besonders wichtig: „Wir schauen nicht nur auf die Noten, sondern auch auf das Drumherum. Wer Unterstützung braucht, bekommt sie bei uns – auch nachts um 3 Uhr.“ Aktuell gibt es im Betrieb einen Auszubildenden, der mit 28 Jahren sogar fünf Jahre älter als sie selbst ist. Die Konstellation ist zwar ungewöhnlich, funktioniert aber im Alltag recht gut, so Rentzsch.

Am liebsten Ornamente 

Von allen Werkstoffen hat Rentzsch Schiefer am meisten ins Herz geschlossen. „Ich versuche mich immer wieder mal an Ornamenten. Das habe ich schon als Kind bewundert, wenn mein Vater mich mit zu Kunden mitgenommen hat“, so Rentzsch. „Aber mein Vater ist da einfach noch geübter – zum Glück kann ich ihn jederzeit nach Unterstützung fragen.“

Im Freundeskreis ist die junge Handwerksmeisterin immer noch die Ausnahme: Während die meisten Gleichaltrigen klassisch Vollzeit studieren und am Wochenende Party machen, arbeitet sie oft samstags und nutzt Sonntage zum Lernen. „Da gibt es schon mal Bemerkungen oder erstaunte Nachfragen, wenn ich erkläre, dass ich wieder ein Dach ‚zubekommen‘ musste und deshalb später komme“, lacht sie. 

Viele ihrer Freundinnen können sich ein so eng getaktetes Leben noch gar nicht vorstellen, während Rentzsch schon früh finanzielle Unabhängigkeit erlebt. „Das ist schon eine andere Herausforderung. Aber mit einer eigenen Wohnung und einem Führerschein bin ich schon weiter in der Entwicklung. Im Grunde ist es ein anderes Leben“, ergänzt sie.

Fortschrittsfreude: Von Drohnen über KI bis Solar 

Im Dachdecker-Betrieb stellt Rentzsch nach und nach einige Prozesse um. So setzt sie Drohnen zur Inspektion ein, um Dokumentationen an Dächern zeitsparend und sicher durchzuführen. Auch im Bereich Solar gab es schon einige Aufträge. 

Beim Thema Künstliche Intelligenz experimentiert sie sowohl in der Ausbildung als auch in der Verwaltung. So nutzt die Meisterin KI-Tools, um zeitaufwendige Routinen wie E-Mail-Verkehr und Protokollierungen deutlich zu verschlanken. Auch lässt sie Kundengespräche – nach Zustimmung – aufnehmen und mit einer KI sinnhaft zusammenfassen, sodass sie im Nachgang die relevanten Punkte strukturiert abarbeiten oder an Teammitglieder weitergeben kann. Azubis empfiehlt sie, KI als moderne Lernhilfe einzusetzen, konkret für das Wiederholen von Prüfungsstoff. Bei der Transformation vom Papierbüro zur digitalen Verwaltung profitiert sie auch von ihrem betriebswirtschaftlichen Know-how aus dem Studium.

„Gehen Sie da wirklich rauf?“

Die Kundenstruktur von Rentzsch Bedachungen ist – entsprechend der Unternehmensgröße von vier Mitarbeitern– vorwiegend kleinteilig und steildachgeprägt. Und selbstverständlich sind die meisten Bauherren immer noch überrascht, wenn eine junge Frau in Zunftkleidung bei ihnen klingelt. Fragen wie: „Gehen Sie da gleich wirklich hoch?“ kontert Rentzsch meist mit einem lockeren Spruch, etwa dass sie ihren Meisterbrief „nur durch Augenklimpern und Anlächeln“ bekommen habe – ein „Eisbrecher“, der die Lage schnell klärt und im Ruhrpott immer zieht.

Das kannte die Dachdeckerin bereits aus der Berufsschule. „An meinem ersten Berufsschultag saßen da nur Jungs in der Klasse“, erzählt sie. „Aber es macht auch Spaß, sich als einzige Frau zu beweisen.“ Generell sorgt ihre lockere und angenehme Art dafür, dass Gespräche schnell auf Augenhöhe verlaufen. Und letztlich freuen sich viele Bauherren, dass die Sanierung gut funktioniert: „Auch wenn das klischeehaft klingt: Aber Frauen sind einfach Sympathieträger – da wird ganz schnell eine Ebene gefunden. Viele sagen dann oft mit Stolz: Das Dach hat unsere Dachdeckermeisterin gedeckt.“

Blick nach vorn: Social Media, Digitalisierung und Co.

Rentzsch ist überzeugt, dass das Handwerk neugierig und offen bleiben muss – gegenüber Digitalisierung, neuen Arbeitszeitmodellen, aber auch hinsichtlich gesellschaftlicher Erwartungen. Sie probiert flexible Arbeitszeiten aus und möchte künftig stärker online präsent sein. Da ist noch Nachholbedarf beim Duisburger Traditionsunternehmen: Rentzsch Bedachungen hat noch keine Website, und auch Social Media steckt noch in den Kinderschuhen. Doch das will Rentzsch ändern: „So können wir die Jugend am besten erreichen.“

Dabei engagiert sie sich auch offline für die Nachwuchssuche, etwa durch Schulbesuche an Berufserkundungstagen. „Das liegt uns natürlich am Herzen, Fachkräfte auszubilden.”

Auch bürokratische Hindernisse und Frust über mangelnde politische Unterstützung verschweigt sie nicht: „Gerade die Selbstständigen im Handwerk stehen oft allein im Regen, auch bei so grundlegenden Änderungen wie dem Renteneintritt oder neuen Auflagen“, gibt sie zu bedenken. Doch am Ende überwiegt ihr Optimismus und der Wille, immer wieder neue Lösungen zu suchen. Und mit 23 Jahren hat sie noch genügend Zeit.

zuletzt editiert am 25. August 2026
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