Ein Mann sitzt an einem Tisch und schaut auf einen Hund, der aufmerksam vor ihm sitzt.
Auch Molly, Hund von Juniorchef Maxim Möller, war sehr interessiert an Dr. Simonis Ausführungen. (Quelle: DDH)

Flachdach 2026-01-13T09:46:07.227Z Der frühe Tod des Kunststoffs

Glauburg: Flüssigabdichtungen gelten für manche Dachdecker als Allheilmittel für komplizierte Anschlüsse. Die fachgerechte Applikation benötigt allerdings viel Know-how - qualifizierte Schulungen über chemische Zusammenhänge sowie die richtige Untergrundbehandlung sind unerlässlich. Im Material-Seminar standen auch die technischen Probleme bei der Verarbeitung auf der Agenda.

Über Chancen und Risiken bei (Flüssig-)Kunststoffabdichtungen informiert das Sachverständigenbüro Dr. Udo Simonis in einer Seminarreihe. Beim ersten Termin Ende November stand zusätzlich die Betrachtung einer PV-Aufständerung auf einem bituminös abgedichteten Flachdach auf der Agenda.

„An der Primerfront tut sich was“

Chemie, Formulierung und Verarbeitung waren Themen von Klebstoffexperte Dr. Lutz Schmalstieg. „Der Verarbeiter betätigt sich als Chemiker auf der Baustelle, also muss er auch den Sachverstand darüber haben.“ Flüssigkunststoffe bestehen aus verschiedenen Komponenten, die zu spezifischen Herausforderungen führen. Bestandteile wie Lösemittel und Weichmacher zum Beispiel machen etwa fünf Prozent der Zusammensetzung aus und verursachen eine ähnliche Schrumpfung, die bei der Planung beachtet werden muss. Füllstoffe tendieren zur Auskreidung, was die Langlebigkeit des Materials beeinträchtigen kann. Kondenswasser und UV-Strahlung können die Lebensdauer der Kunststoffe erheblich verkürzen, gerade an kritischen Punkten wie Lichtkuppeln. Unterschiedliche Flüssigkunststofftypen wie 2K-PUR und PMMA weisen ebenfalls spezifische Probleme auf, darunter die Bildung von CO2-Blasen und Reaktionsstörungen. Verarbeitungsfehler, insbesondere Mischfehler, sind häufig; daher sind Mitarbeiterschulungen wichtig. Es gibt zudem Konflikte bezüglich der Mindestschichtdicke zwischen Herstellervorgaben und Durchführung durch Verarbeiter. Temperaturänderungen beeinflussen die chemische Reaktionsgeschwindigkeit, und eine unzureichende Restfeuchtemessung bei Baustellen kann die Haftung beeinträchtigen. Eine vielversprechende Innovation ist laut Schmalstieg der 2K-PUR-Polyaspartic, der theoretisch stabil und ungiftig ist, jedoch exakte Mischungsverhältnisse erfordert. Häufige Haftprobleme resultieren aus unzureichend vorbereiteten Untergründen. Vorsicht: Bitumenverträglichkeit wird oft nicht unter realistischen Bedingungen geprüft.

Ein Mann in einem Gespräch, der aufmerksam zuhört.
Dr. Martin Montag erklärte, welche Konsequenzen aus den Gesundheitsgefahren von Flüssigabdichtungen für Beschäftigte und Arbeitgeber folgen. (Quelle: DDH)

Fehlendes Grundverständnis

Dr. Udo Simonis bestätigte, dass Flüssigkunststoffe gegenüber traditionellen Abdichtungsmethoden wie Bitumen- oder Kunststoffbahnen wesentliche Vorteile bieten. Sie sind besonders anpassungsfähig an komplexe Geometrien, naht- und fugenlos sowie elastisch und widerstandsfähig gegenüber Umwelteinflüssen. Auch Simonis wies nochmals darauf hin, dass oft bei der Verarbeitung Probleme auftreten, hier insbesondere bei der Untergrundvorbereitung oder durch Witterungseinflüsse. Wichtige Regeln für die Verarbeitung sind: Verarbeitungsrichtlinien lesen und befolgen, das richtige Werkzeug nutzen, Schichtstärken am aufgehenden Bauteil kontrollieren, Kanten und Ränder abkleben sowie den Untergrund bei Reparaturen anschleifen. Flüssigkunststoffe haften physikalisch und benötigen einen rauen, tragfähigen und trockenen Untergrund. Mischfehler entstehen durch ungenügendes Aufrühren oder unzureichendes Mischen. Der Dachdecker muss dokumentieren, ob Haftung, Umgebungstemperatur und Mischverhältnisse stimmen, da er die Abdichtung nicht nur verarbeitet, sondern herstellt, warnte Simonis.

Ein Mann hält einen Vortrag in einem Seminarraum vor mehreren Zuhörern.
Dr. Lutz Schmalstieg ist Experte in der Klebstoffentwicklung. (Quelle: DDH)

Arbeitsschutzgesetz und Gefahrstoffverordnung

Bei Arbeiten mit Flüssigkunststoff hat der Arbeitgeber verschiedene Pflichten, die sich insbesondere aus dem Arbeitsschutzgesetz und der Gefahrstoffverordnung ergeben, erklärte Rechtsanwalt Dr. Martin Montag. Zur Gefährdungsbeurteilung gehört auch die Ermittlung der Gefahren- und Sicherheitshinweise, die als H-Kennungen und P-Kennungen bei den verwendeten Produkten angegeben sind. Es wurde festgestellt, dass Reizungen bei Mitarbeitenden, die mit Flüssigkunststoff arbeiten, nicht selten sind. Besonders beim Arbeiten mit Polymethylmethacrylat (PMMA) stellen Tätigkeiten wie Bohren, Fräsen, Schleifen und Sägen Risikofaktoren dar. Zudem besteht ein Risiko durch Kontakt des Monomers oder Flüssigharzes mit der Haut. Bei der Erhitzung oder thermischen Bearbeitung, wie etwa Lasern, kann es zur Freisetzung von Methylmethacrylat kommen, welches augenreizend und alveolengängig ist. Obwohl Arbeiten im Außenbereich in der Regel ungefährlich sind, gibt es Studien, die Beeinträchtigungen bei der Arbeit auf Dächern zeigen. Eine Quelle aus Österreich betont die Wichtigkeit des Tragens von Atemschutzmasken bei der Verarbeitung von PMMA, um gesundheitliche Risiken zu minimieren.


Im Hinblick auf Nachhaltigkeit sind mehrere Aspekte zu berücksichtigen. Das Bewertungssystem für nachhaltiges Bauen (BNB) des Bundes sowie die Bauproduktenverordnung (BauPVO) spielen eine wichtige Rolle. Letztere zielt darauf ab, die Handelbarkeit von Bauprodukten und Bausätzen zu regeln und den grenzüberschreitenden Handel zu erleichtern. Zudem wird zunehmend der digitale Produktpass in Erwägung gezogen, um die Rückverfolgbarkeit und nachhaltige Verwendung von Baumaterialien zu fördern. Dr. Simonis bekräftigte, dass Stoffe und Bauteile sich während der Nutzung nicht schädigend auf die Umwelt auswirken dürfen. Er drängt auf detaillierte Untersuchungen von Dachbahnen im Hinblick auf zum Beispiel Pestizide, Weichmacher, Stabilisatoren und Bleichmittel – und auf deren Veröffentlichung. „Fordern Sie vom Hersteller eine Beschaffenheitserklärung, dass keine umweltgefährdenden Stoffe ausgewaschen werden und kein Mikroplastik freigesetzt wird“, appellierte der Sachverständige.

Identifikation des Bruchbilds der versagten Klebung/Schweißnaht

Über die Analysemethoden für Materialien und Prozesse beim Fraunhofer Institut für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung IFAM klärte Gruppenleiter im Bereich Oberflächentechnik Dr. Martin Wiesing auf. Zu den Prinzipien der Schadensanalyse beim Kleben und Schweißen gehört in erster Linie die Identifikation des Bruchbilds der versagten Klebung/Schweißnaht: Welcher Bereich im Verbund versagt eigentlich? Handelt es sich um kohäsives oder adhäsives Versagen oder einen Mischbruch? Bruchbilder werden bei einer Sichtkontrolle nicht sicher erfasst, da bereits submikroskopische Filme stören können. Es bedarf einer Oberflächenanalytik. Die Ursachen für adhäsives Versagen sind Kontaminationen, ungünstige Fertigungsparamater und Materialalterung.

Anhand eines Praxisbeispiels erläuterte Dr. Martin Montag die Prüfpflichten der Beteiligten. Er gab eine Übersicht über bauliche und organisatorische Maßnahmen. Notwendig ist der Abgleich von Baugenehmigunsunterlagen, die Prüfung der elektrischen Anlage, der Abdichtung, der Wärmedämmung und der Entwässerungsführung. Unternehmer sollten bei der Zusicherung von Materialeigenschaften die folgenden Regelungen beachten: Sie sollten eine schriftliche Zusicherung verlangen, dass definierte Materialeigenschaften (zum Beispiel Wärme- und Kältestabilität) über eine festgelegte Dauer erhalten bleiben und dass das Unternehmen bei Materialversagen anteilig an den Kosten der Mangelbeseitigung über den Materialersatz hinaus beteiligt wird.

Den kompletten Beitrag lesen Sie in DDH 01. 2026.

Ein Mann hält einen Vortrag vor einer Präsentation mit dem Logo des Fraunhofer IFAM.
Dr. Martin Wiesing forscht über das Versagen von Schweiß- und Klebeverbindungen. (Quelle: DDH)
zuletzt editiert am 13. Januar 2026