Michael Zimmermann und sein Team bei Sanierungsarbeiten im Ahrtal Anfang August. Quelle: Zimmermann
Michael Zimmermann und sein Team bei Sanierungsarbeiten im Ahrtal Anfang August. Quelle: Zimmermann

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19. August 2021 | Teilen auf:

Krisenmanager im Chaos

Flutwasser: Dem Facebook-Aufruf zur Dachdecker Hilfe im Ahrtal folgte Anfang August auch Michael Zimmermann. André Büschkes war in Euskirchen unmittelbar von der Flutkatastrophe betroffen. Im Interview berichten beide von ihren Eindrücken.
Johannes Messer

Initiator der Facebook-Kampagne und selbstloser Helfer: DDM Bernd Krinninger. Quelle: SWR

Über die tolle Hilfsaktion von DDM Bernd Krinninger berichteten wir ausführlich in DDH 10. 2021 und auf www.ddh.de. Wochenlang war der Dachdecker ein gefragter Interviewpartner,  hunderte Handwerksbetriebe folgten seinem Aufruf, den betroffenen Menschen im Ahrtal Hilfe zu leisten. Auch Michael Zimmermann machte sich aus Ockenheim auf den Weg, um mit sechs Mitarbeitern, einem Autokran und einem Pritschenwagen voller Material tatkräftig zu helfen.  André Büschkes war in Euskirchen selber eine Woche ohne Strom.

Die Aufräumarbeiten des Büschkes Team in Euskirchen. Quelle: Büschkes

Was waren die ersten Eindrücke vor Ort? 

André Büschkes: "Das war schon eine skurrile Situation: Da wir ja selbst eine ganze Woche keinen Strom, kein Telefon, kein Internet, kein Radio- und nur sehr eingeschränkt Handyempfang hatten und die Verkehrsverbindungen – vor allem im Bereich der Brücken – stark beschädigten waren, lebten wir ja wie auf einer Insel. Das große Leid der Menschen in den umliegenden Orten stellten wir erst einige Tage später fest. Bis dahin waren wir stark damit beschäftigt, unsere eigenen Keller leer zu pumpen, auszuräumen, zu reinigen und zu trocknen."

Michael Zimmermann: "Gemeinsam mit Bernd Krinninger hatte ich mir am Samstag vor der großen Dachdeckeraktion ein Bild vor Ort machen können. Ehrlich gesagt, war ich sehr  erschüttert. Mit so viel Schäden, so viel Verwüstung, habe ich nicht gerechnet. In einigen Ortschaften waren ca. 50 % der Häuser durch die Flut beschädigt, in Ahrbrück sogar jedes Haus. Aber nicht nur die Häuser, teilweise ist die Infrastruktur, die Straßen, Brücken usw. beschädigt oder komplett zerstört worden und man kommt nur noch über „Schleichwege“ in einige Ortschaften. Bilder wie aus Erdbeben - oder Kriegsgebieten".

Menschlichkeit funktioniert

André Büschkes: "Absolut bemerkenswert war die – zurecht – viel beschriebene Solidarität der Menschen. Sehr viele freiwillige Helfer – sehr viele Bauunternehmer und Handwerker sowie Landwirte mit großem Gerät – haben Menschen am Flutabend gerettet und geborgen. Auch bei den Aufräumarbeiten waren unglaublich viele, hilfsbereite Menschen aktiv. Es war in dieser belastenden Situation für alle sehr schön zu sehen, das Menschlichkeit funktioniert und Nächstenliebe kein Theoretikum ist."

Was können/konnten Sie konkret an Dachdeckerarbeiten leisten?

André Büschkes: "Die Menschen in unserer Region haben solche gewaltigen Mengen an Wasser von „unten“ erlebt, dass die Schäden an Dächern relativ überschaubar waren. Ich war selbst überrascht, wie gut die meisten Dachentwässerungen funktionierten. Dennoch haben wir uns als Betrieb dazu entschieden, unsere laufenden Baustellen zu verschieben. Wir haben gemerkt, das es bei den Flutopfern zu einer (psychologischen) Entspannung führt, wenn – zumindest der nasse Fleck von „oben“ – schnell behoben wird. Auch die vorbildliche Aktion der vielen Innungskollegen aus Rheinland-Pfalz, die an der Ahr geholfen haben, hatte aus meiner Sicht die gleichen positiven Effekte. Die spannenste Frage für mich ist, wie wir baupolitisch mit den stark betroffenen Gebäuden der direkten Anrainer an den Flüssen umgehen."

"Not-Abdeckung" für die zerstörten Häuser. Quelle: Zimmermann

Michael Zimmermann: "Im ersten Schritt ging es darum ,die noch vorhandenen Werte zu schützen. Also um Reparaturmaßnahmen an Dächern und der Entwässerung durchzuführen. Sehr oft haben sich die Anwohner über die Dächer vor der Flut gerettet, dafür die Ziegel weggerissen, um aufs Dach zu gelangen. Teilweise stand das Wasser aber auch bis zu den Dächern und es wurden Ziegel, Schiefer, Abdichtungen und auch komplette Dachkonstruktionen einfach weggespült. An sehr vielen Häusern waren die Fallrohre und/oder die Standrohre durch das Wasser entfernt oder beschädigt worden. Hier ging es darum, dass man die Fallrohre an die mittlerweile wieder instandgesetzte Grundleitungen anschließt, um bei Regen den Grundwasserspiegel zu entlasten. Wir haben auch Dachrinnen montiert, um dadurch zu verhindern, dass bei Regen wieder Wasser in die Gebäude zurücklaufen kann."

Jeder Einzelne als Krisenmanager

Wie koordiniert man 500 Dachdecker, die alle helfen können, aber nicht wissen wo und wie?

Michael Zimmermann: "Das war auch im Vorfeld unsere größte Angst. Dass wir es als Dachdecker zwar „gut meinen“ aber durch übertriebenen Aktionismus es dann am Ende „schlecht machen“ und durch die Anwesenheit der über 100 Betriebe, mit jeweils mehreren Fahrzeugen, die komplette Infrastruktur lahmlegen. Das war aber ganz und gar nicht der Fall. Es war zu keinem Zeitpunkt Hektik oder gar Hilflosigkeit spürbar. Die Betriebe haben sich nach und nach auf dem Parkplatz eingefunden und sehr diszipliniert verhalten. Pünktlich um 8:00 Uhr begrüßten der Landesinnungsmeister Johannes Lauer und Bernd Krinninger die mittlerweile eingetroffenen Dachdecker und wiesen auf das Wesentliche hin. Und zwar auf ein umsichtiges und vorausschauendes Arbeiten unter Beachtung der geltenden Unfallverhütungsvorschriften. Safety first sozusagen. Und als ortskundiger hat der Obermeister Gregor Orth dann die einzelnen Betriebe auf die betroffenen Ortschaften eingeteilt. Wir alle waren von der sehr großen Disziplin der anwesenden Dachdecker sehr angetan. Das Dachdeckerhandwerk ist es gewöhnt, sehr schnell zu reagieren und falls notwendig auch zu improvisieren. Jeder einzelne ist ein Krisenmanager. Das gehört zum Tagesgeschäft."

Beeindruckende, unbürokratische Hilfe

Welche Eindrücke werden bei Ihnen besonders hängen bleiben?

André Büschkes: "Der Zusammenhalt der Menschen in dieser Krise hat sich bei mir sehr positiv „eingebrannt“. Freunde, die sich Urlaub zum Helfen nahmen. Nachbarn, die sich vorher nicht kannten und trotzdem gegenseitig mit anpackten. Zusätzlich war total beeindruckend, wie kreativ und unbürokratisch viele Bauschaffenden sofort mit schweren Gerät alles das gemacht haben, was notwendig war. Dies war nicht die Zeit von Gesetzen, Verordnungen und Erlassen sondern die Zeit des Machens."

Michael Zimmermann: "Das Gesamtbild von der Zerstörung durch diese Flut. Und wie tapfer die Menschen mit dieser Tragödie umgehen. Ich habe viele Gespräche geführt, dabei einige Einzelschicksale gehört und auch gesehen. Trotzdem waren das keine Bilder des Jammerns, sondern des kraftvollen Anpackens mit dem unbedingten Willen alles wieder aufzubauen. Die Menschen waren auch sehr dankbar über Unterstützung von allen Helfern, auch das hat ihnen Kraft gegeben. Aber sie haben auch Angst, dass sie bald aus dem medialen Blickwinkel verschwinden und dadurch die Unterstützung nachlässt. Das darf nicht passieren."

Klimaschutz als zentrale Aufgabe

Das Hochwasser ist auch ein Zeichen des Klimawandels. Müssen auch Dachdecker mehr tun, um sich als Klimaschützer zu positionieren?

André Büschkes: "Definitiv. Gerade gestern war ich bei der Auftaktveranstaltungen eines politischen Arbeitskreisen zum Thema „Nachhaltigkeit“. Auch dort zeigte sich, dass die Politik verstanden hat, wie wichtig es ist, dass die Interessen und Möglichkeiten der Macher, die die Dinge konkret umsetzen, überall Gehör finden.

An allen Stellen müssen wir deutlich machen: Was wir Dachdecker so als „Klimaschützer“ beispielhaft tun: Wärmedämmung von Dächern und Fassaden, Begrünung von Dachflächen, Strom und warmes Wasser vom Dach. Der selbst erzeugte „grüne“ Strom kann zum Beispiel für das Elektroauto oder die Notstromversorgung (wir haben in unserer Region durch die Flut ja gerade gespürt, dass das absolut Sinn macht) klimaneutral eingesetzt werden. Sie sehen an diesen Beispielen, warum wir Deutschen Dachdecker mit dem Slogan: Beim Klimaschutz ganz oben werben!"

Michael Zimmermann: "Wir müssen alle mehr als bislang für den Klimaschutz tun. Jeder Enzelne von uns, natürlich auch unser Dachdeckerhandwerk. Und deshalb haben wir uns als Dachdecker schon seit langem zum Klimaschutz und zur Nachhaltigkeit positioniert. Aus diesem Grund haben wir innerhalb unserer Berufsorganisation 2 neue Fachausschüsse gegründet, die sich ausschließlich mit den Themen Umweltschutz, Energieeinsparung, Nachhaltigkeit, Recycling und Entsorgung beschäftigen. Auch im Bereich der Dach - und Fassadenbegrünung werden wir uns künftig noch stärker engagieren. Das zeigt die jüngste Kooperation des ZVDH mit dem BuGG. Das größte Einsparpotenzial liegt nach wie vor in der Sanierung. Die energetische Dachsanierung ist das Flaggschiff des Deutschen Dachdeckerhandwerks. Aber das Dach der Zukunft ist nicht nur sparsam im Energieverbrauch, sondern auch sehr effizient in der Energiegewinnung. Und wie groß das Potenzial einer energetischen Dachoptimierung in Kombination mit zusätzlichen PV- Anlage ist, zeigt die neue Studie des Forschungsinstituts für Wärmeschutz (FiW München), an der wir uns als ZVDH gemeinsam mit dem Bundesverband der deutschen Ziegelindustrie (BVZi) beteiligt haben. Auf diesen Bereich werden wir kontinuierlich ausbauen. Genau diese Punkte haben wir als ZVDH auch in unseren Wahlprüfsteinen zur Bundestagswahl aufgeführt. 

Eine zentrale Aufgabe in der Zukunft ist es, den Klimaschutz und die Nachhaltigkeit mit der Wirtschaftlichkeit zu vereinen. Das darf kein Widerspruch mehr in sich sein. Und daran müssen wir alle arbeiten."