Eine Gruppe Dachdecker sitzt auf der Dachkante einer eingelatteten Dachfläche
Alle Azubis für das Gruppenbild: Yoann, Ulysse, Gabin, Audrey, Greg, Quentin, Noa, Alex, Noé, Yves, Marcel, René, Sina, Marvin, Michel und Michael Heinze (v. l.) (Quelle: Michael Heinze)

Steildach 2026-02-12T09:13:38.990Z Schindeln, die verbinden

Ausbildung: Die Auszubildenden aus Frankreich und Deutschland lernten bei ihrem knapp zweiwöchigen Austausch vieles über kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten sowie einen unbekannten Werkstoff – Holzschindeln. Die Kehldeckung wurde zuerst am Modell geübt. Dennoch wurde der Schichtenabstand zur Herausforderung.

Der Traum vom Kloster im Lübecker Stadtteil Kücknitz ging 2025 mit dem 4. Bauabschnitt in die letzte Runde. Unzählige Auszubildende verschiedener Gewerke, Wandergesellinen und -gesellen sowie örtliche Handwerksbetriebe waren am Bau beteiligt. So auch eine Gruppe von 15 französischen und deutschen angehenden DachdeckerInnen im vergangenen September.

Seit 2023 gibt es eine Partnerschaft der Landesberufsschule des Dachdeckerhandwerks in Lübeck mit der École Supérieure de Couverture in Angers, über die in DDH 09.2025 berichtet wurde. Bei einem Abendessen am 2. Oktober 2024 wurde über die weitere Zusammenarbeit gesprochen. Unsere französischen Partner erzählten von einem möglichen gemeinsamen Projekt mit Holzschindeln in Bergen (Norwegen). Wir wussten, dass etwas Ähnliches im Folgejahr in Lübeck anstehen würde, da unsere Schule das Klosterprojekt seit Jahren begleitet. Damit begann die Planung einer gemeinsamen Baustelle hier bei uns.

Handwerker arbeiten an einem Dachbauprojekt und verwenden Holzträger.
Sina packt bei den Zimmerleuten mit an. (Quelle: Michael Heinze)
Zwei Handwerker arbeiten gemeinsam an einem Holzgerüst unter freiem Himmel.
Audrey und René beginnen mit dem Einlatten. (Quelle: Michael Heinze)
Eine Gruppe von Bauarbeitern arbeitet an einer komplexen Dachkonstruktion aus Holz in einem historischen Gebäude.
Der Lattabstand für die Holzschindeldeckung beträgt lediglich 11 Zentimeter. (Quelle: Michael Heinze)

Kreuzgang sollte mit Holzschindeln eingedeckt werden

Der Kreuzgang, als letzter Bauabschnitt des Klosterensembles, sollte mit Holzschindeln eingedeckt werden. Hierzu gehörten neben den circa 125 Quadratmetern Fläche auch vier gleichhüftige Kehlen mit einer Länge von jeweils etwa viereinhalb Metern. Zwei sollten als Schwenk- und zwei als eingebundene Kehlen ausgeführt werden, um den Auszubildenden viele Erfahrungen zu ermöglichen. Aufgrund der geringen Dachneigung (circa 28°) wurde eine dreilagige Deckung in der Fläche und eine Fünflagigkeit in den Kehlen geplant. Zur Verfügung standen Schindeln in den Längen 40 und 50 Zentimeter. Da Holzschindeln in Norddeutschland und Frankreich ein eher ungewöhnlicher Werkstoff sind, galt es, sich mit ihm anzufreunden. Ich hielt es für hilfreich, ein 1:1-Modell der Kehlen in der Werkhalle der Landesberufsschule zu bauen, um daran zu üben. So entstanden Skripte mit vielen Fotos in deutscher und französischer Sprache, die es den Azubis ermöglichen sollten, in gemischten Teams zusammenzuarbeiten.

Stoßäxte kamen zum Einsatz

Mitte September trafen die acht Franzosen und sieben Deutschen, die von ihren Betrieben hierfür freigestellt worden waren, ein. Zehn Arbeitstage hatten wir für die Fläche und die Kehlen Zeit. Die ersten beiden Tage standen im Zeichen der Fertigstellung der Kehlunterkonstruktion (mit den Zimmerern zusammen), dem Gerüstbau und dem Einlatten. Für die Traglattung wurden Latten (40/60) im Abstand von 11 Zentimetern aufgenagelt, um eine gute Belüftung der Schindeln zu ermöglichen. Der Abstand 11 Zentimeter ergab sich darüber hinaus durch die Schindellänge 50 Zentimeter, die für die Schwenkkehlen genommen wurden und eine vierfache Überdeckung erreichen sollten. Begonnen wurde mit den Flächen, um ein Gefühl für den Werkstoff Holzschindel zu bekommen. Hierzu wurden die Schindeln für die erste und zweite Reihe abgelängt. Dann kamen sie in wassergefüllte Bütten, wo sie circa 15 Stunden quellten, um die Spaltgefahr beim Nageln zu minimieren und um sie fugenlos befestigen zu können. Da die Seiten der Schindeln nicht unbedingt parallel waren, kamen neben einem Schindelbeil auch noch Stoßäxte – auch sie ungewohnt – zum Einsatz, um einzelne Schindeln nachzubearbeiten. Ziemlich zügig stellte sich eine Routine ein und es ging flott voran.

Kehlbreitenlinien, Einspitzern, Wasserschindel, Separaten, Einbinde- und Unterläuferschicht

Gegen Ende der ersten Woche wurde es dann Zeit, sich den Kehlen zu widmen. Die deutschen und französischen Auszubildenden waren in fünf Dreierteams eingeteilt worden. Jeweils zwei der Teams bekamen am Modell, das aus der Schule mitgebracht worden war, eine Einführung in den Anfang der Schwenk- bzw. eingebundenen Kehle. Dann wurde losgelegt. Die einen schnitten sich konische Schindeln, die dann erst wieder ins Bad mussten. Die anderen tüftelten am Kehlanfang, schauten immer wieder ins Skript, befestigten ein paar Schindeln, nahmen sie wieder ab und begannen nach Beratung erneut. Bei Kehlbreitenlinien, Einspitzern, Wasserschindel, Separaten, Einbinde- und Unterläuferschicht war es auch nicht so einfach, den Überblick zu behalten. Mehrfach musste zu Beginn geklärt werden, an welcher Schicht die Azubis gerade waren. Aber dann lief es – auch wenn immer mal wieder die Frage war: Wo bin ich jetzt? Die Schwenkkehle gestaltete sich da scheinbar einfacher, denn ab der dritten Schicht wiederholte sich alles. Es musste nur darauf geachtet werden, dass die Seitenüberdeckung eingehalten wurde.

Gefälle ausgleichen

Was am Modell in der Schule nicht sichtbar und auch gedanklich nicht berücksichtigt worden war, ist die Tatsache, dass die Kehle in ein „Tal“ fällt, da ja der Kehlsparren flacher geneigt ist. Dieses Tal war am Freitag sichtbar geworden. Da mussten die beiden betreuenden Lehrer am Nachmittag „nachsitzen“, um darüber nachzudenken, wie sich das einigermaßen elegant lösen ließ. Am Montagmorgen wurde das Problem mit den Azubis am Modell und am Original besprochen. Dann mussten leider ein paar Reihen zurückgebaut werden, um das Gefälle in der Kehle mit mehreren, aufeinander liegenden und länger werdenden Holzstreifen auszugleichen. Anschließend ging es wieder mit den konischen Schindeln weiter. An dieser Stelle zeigte sich, dass nicht nur die Auszubildenden dazulernen, sondern auch die Lehrer – beide Geselle bzw. Meister im Dachdeckerhandwerk.

Im weiteren Verlauf der Baustelle wurde dann sichtbar, dass sich in den abgetreppten Flächen Ungenauigkeiten eingeschlichen hatten, die zunehmend zu Problemen bei den Kehlen führten. Die jungen DachdeckerInnen hatten meist den Schichtenabstand (11 Zentimeter) nur von Schicht zu Schicht gemessen, sodass es in der Summe über mehrere Schichten zu mehreren Zentimetern Abweichungen kam. Das führte zum Teil zu erheblichen Schwierigkeiten bei den Anschlüssen zu den Kehlen, ohne dass gleich klar war, woran das Anschlussproblem liegt. Da wurde etliche Male nachgemessen und immer wieder überlegt. Zum Glück konnte das aber durch Vermitteln gelöst werden. Hier zeigte sich, dass in der Fläche umso genauer gearbeitet werden muss, wenn die Kehlen später eingefügt werden. Dafür hat die Baustelle die Azubis hoffentlich sensibilisiert.

Ziegenbock musste dran glauben

In den zwei Wochen war immer ein Dreierteam für die Versorgung (planen des Essens, einkaufen, kochen, abwaschen…) zuständig. Das brachte die Franzosen und Deutschen auch in Kontakt miteinander. Rudimentäre Englischkenntnisse und Übersetzungsprogramme im Handy machten den Austausch möglich. Einen Abend lud uns der Geschichtserlebnisraum zum Abendessen ein. Dafür hatte ein junger Ziegenbock vom Gelände sein Leben lassen müssen – aber er war lecker. Am Wochenende wurden die Partylocations in Lübeck aufgesucht und bis in den frühen Morgen genutzt. Einen Abend wurde in einer Bar zusammen Billard und Dart gespielt. Für den letzten Donnerstag waren die Ausbilder und Sponsoren eingeladen worden, um sich von ihren Azubis zeigen zu lassen, was sie gemacht hatten. Dieser Abend schloss mit einem Buffet, das diesmal geliefert worden war und allen schmeckte.

„Wir leben Geschichte(n)“

Bei allen Schwierigkeiten, die sowohl fachlich als auch zwischenmenschlich aufgetreten sind, hatte die Austauschbaustelle viele gute Eindrücke hinterlassen, sodass ich ein derartiges Projekt sofort wieder angehen würde. Die angehenden DachdeckerInnen aus ganz Schleswig-Holstein und Frankreich haben sicherlich nicht nur fachlich etwas dazugelernt. Sie sind bestimmt auch im Umgang mit den Menschen einer anderen Nationalität gewachsen. Dann ist da auch noch die Dankbarkeit der Betreiber des Geschichtserlebnisraums Roter Hahn zu erwähnen. Deren Motto ist „Wir leben Geschichte(n)“. So sind jetzt auch diese Azubis zu einem Teil der Geschichte des Klosterbaus geworden.

Michael Heinze

Handwerker arbeiten im Freien an einem Holzprojekt vor einem Backsteingebäude.
Yoann zeichnet für Noé Schindeln an. (Quelle: Michael Heinze)
Holzplatten in einer Wanne mit Wasser, beschwert durch einen Ziegelstein.
Die Schindeln wurden über Nacht (> 12 Stunden) gewässert. (Quelle: Michael Heinze)
Ein Handwerker arbeitet konzentriert an einem Holzdach und befestigt Schindeln.
Greg richtet eine Schindel mit der Stoßaxt. (Quelle: Michael Heinze)
Drei Handwerker arbeiten an einer Dachkonstruktion aus Holzlatten.
An der Traufe geht es los: Es wird gepuzzelt. (Quelle: Michael Heinze)
Zwei Handwerker auf einem Dach, die in die Kamera winken. Sie stehen auf einer Holzstruktur und tragen Arbeitskleidung.
Sina und René sind an der Traufe mit Spaß bei der Arbeit. (Quelle: Michael Heinze)
Eine Gruppe von Handwerkern arbeitet gemeinsam an einem Dachbauprojekt aus Holz.
Stephan Heuer (Lehrer und DDM) berät Alex, Marcel und Yves tüfteln am Anfang der Kehle. (Quelle: Michael Heinze)
Eine Handwerkerin misst Holzschindeln auf einem Dach aus, um sie präzise zu verlegen.
Sina zeichnet die Breite der Unterläuferschicht an. (Quelle: Michael Heinze)
Ein Dachdecker arbeitet auf einem Dach mit Holzschindeln.
Noé arbeitet an der Schwenkkehle. (Quelle: Michael Heinze)
Mehrere Dachdecker arbeiten auf einem großen Holzdach in einem traditionellen Dorf.
Mit den Flächen ging es recht zügig voran. (Quelle: Michael Heinze)
Ein frisch gedecktes Dach mit Holzschindeln, das eine geschwungene Form aufweist.
Die Schwenkkehle mit ihren konischen Schindeln geht quasi zwanglos über, ... (Quelle: Michael Heinze)
Ein traditionelles Dach mit Holzschindeln, das eine rustikale und natürliche Ästhetik vermittelt.
... während die eingebundene Kehle mit rechteckigen Schindeln gerade hoch gedeckt wird. (Quelle: Michael Heinze)
zuletzt editiert am 12. Februar 2026